Zenit

// Eine biographische Stückentwicklung über Wettbewerbsfähigkeit und Selbstoptimierung, UA: 30. August 2018, Theater unterm Dach Berlin. Gefördert durch das Bezirksamt Pankow von Berlin, Amt für Weiterbildung und Kultur

In ZENIT treffen zwei Schauspielerinnen aus unterschiedlichen Generationen aufeinander, die über ihr Leben, ihre Wünsche und Hoffnungen zwischen Selbstverwirklichung und Existenzsicherung sprechen. Träume werden zwischen diesen Polen geboren und zerrieben. Der Zenit verschiebt sich mit jedem neuen Lebensabschnitt, mit jedem Jobangebot und mit jedem Karriereknick.
ZENIT ist eine Recherche mit Texten, Musik und akrobatischen Sprachübungen. Ein Abend über Erfolge, Niederlagen und Neuanfänge in Zeiten von maximaler Wettbewerbsfähigkeit. Ein Spiel um perfekte Selbstoptimierung und ultimative Selbstausbeutung im kollektiven Trainingscamp.

Mit: Iduna Hegen, Melissa Anna Schmidt
Regie: Johanna Hasse
Ausstattung: Martina Schulle
Licht: Thomas Schick

// Presse

Wie kreisende Planeten umtanzen sie das Objekt der Begierde in ihren trichterförmigen weißen Umhängen. Haben sie den Zenit schon überschritten und nicht erkannt? Fehlt nur noch ein kleines Stück zum Glanzpunkt ihrer Karriere? Weiß der Himmel. Sie wissen es nicht. Das ist aus ihrer Sicht schließlich ein bewegliches Ziel. Dann stehen sie in unansehnlichem Unterkleid da und wirken verloren. So, als wären sie lieber woanders. Irgendwo, wo keine Leute sind und vor allem keine Spiegel. Es geht nämlich zur Bestandsaufnahme. Können sie sich sehen lassen? Die zwei Schauspielerinnen mäkeln an sich herum. Die Haut werde schlaff an den Oberarmen, der Hals irgendwann faltig. Dann sähe man aus wie eine Eidechse, knurrt die Ältere. Auf sogenannte Weisheiten wie “man soll das mit dem Alter annehmen” kann sie getrost verzichten. Sie findet es geradezu höhnisch formuliert. Die Jüngere hadert unter anderem mit der Form ihrer Brüste. Muss man eben ablenken. Die Beine sind dafür gut gemacht. Tja, beide Frauen haben so ihre Tricks, Mängel zu kaschieren. Darin muss man eben mit der Zeit immer besser werden. Das ist eine Kunst für sich. Schließlich wird von ihnen erwartet, dass sie perfekt sind. Gelernt ist gelernt. Selbstoptimierung gehört zum Geschäft.
Mit ihrer Inszenierung “Zenit” im Theater unterm Dach öffnet Regisseurin Johanna Hasse die Tür des Schauspielerinnenlebens in der freien Szene einen Spalt. Wie ist es, seine Haut zu Markte zu tragen? Der Wettbewerb ist unbarmherzig. Wie fühlt es sich an, mit unzähligen anderen für eine einzige Rolle beim Casting zu sein, wo plötzlich ein Text verlangt wird, von dem vorher keine Rede war? Hasses Textrecherchen tragen biografische Züge ihrer Darstellerinnen Iduna Hegen und Melissa Anna Schmidt. Aus verschiedenen Generationen kommend haben sie ein Ziel, aber unterschiedliches Herangehen. “Welche Marke bist du?”, fragt Schmidt als Jüngere die Ältere und rückt mit einer Webcam an, um ein “About you” mit ihr zu produzieren. Sie will sich aber nicht in die Schublade packen lassen, nur einen Charakter spielen zu können. Das mit dem Selbstdarstellungsangebot vor der Kamera funktioniert nicht. Nein, sie will nicht das Gefühl haben, sich zu verkaufen. Zu diesem Schluss kommt die Jüngere letztlich auch, nachdem sie vom Casting erzählte und von kunstfremden Jobs, um sich zu finanzieren. Für die Ältere spielt mitunter schon der Ort mit dem völlig übertriebenen Namen Jobcenter eine Rolle, wo sie eine persönliche Beraterin zugewiesen bekommt, die vierteljährlich wechselt. Beide Künstlerinnen wollen arbeiten und sind dafür bereit, Kompromisse einzugehen. Doch nicht jeden. Und man sieht, dass sie trotz des Ungemachs niemals bereit wären, ihre künstlerische Berufswahl zu bereuen. “Für mich soll’s rote Rosen regnen …”, lassen sie hören. Träumen darf man. Schönes Gefühl. Nach der Premiere regnete es jedenfalls großen Applaus.
Bei allem Ernst in der Sache, das Publikum mal zu den Arbeitsbedingungen samt kleiner Auseinandersetzungen in die Kulissen gucken zu lassen, prägt Tragikomik das Stück. Das spricht für die Professionalität der beiden Darstellerinnen, die fähig sind, sich selbst hochzunehmen. Gut aufgehoben können sie sich dabei fühlen in der durchdachten Ausstattung von Martina Schulle und dem pointiert gesetzten Licht durch Thomas Schick. Regisseurin Hasse gelang das Stück mit 90 Minuten ohne Längen. Sie baute geschickt inszenierte Szenen ein, die vorgeben, als würden die Darstellerinnen musikalisch improvisieren. Sieht aus, als ließen sie sich gern dazu anregen. Es gelingt ihnen nämlich äußerst witzig dank eines geräuschintensiven Sitzmöbels. Der Abend ist stimmig. Neues Deutschland, 7. September 2018

Dass Berlin die interessanteste freie Theaterszene Deutschlands hat, ist wohl allgemein bekannt. Doch auch wenn die Förderungsetats in diesem Jahr endlich mal erhöht wurden, arbeiten viele freie Künstler*innen weiterhin unter selbstausbeuterischen und unsicheren Bedingungen. Die Regisseurin Johanna Hasse gibt mit ihrer Inszenierung Einblicke in die Arbeitswelt der “Freien”. Iduna Hegen, die schon 1979 Mitgründerio der legendären Freien Gruppe Zinnober in Ostberlin war, und die junge Melissa Anna Schmidt geben im Spiel mit biografischen Texten viel von sich preis: Enttäuschungen, Sehnsüchte und den nicht nachlassenden Wunsch, zu spielen und Großes zu schaffen – den Zenit zu erreichen. Beide können singen, musizieren und absurde Situationen beisteuern, die Lacher und Szenenapplaus bringen. Melissa Anna Schmidt ist schnell, ideenreich und effektiv, wenn es um die Vermarktung der Älteren mit About-Me-Video geht. Spannend wird es im funktionalen Bühnen- und Kostümbild von Martina Schulle, wenn Scham und Wut über Selbstausbeutung oder Eingliederungsversuche in fremde Jobs aufkommen. zitty Berlin, Heft 33/2018