Vater

// Florian Zeller, P.: 2. Oktober 2020, Theater Altenburg Gera

André ist um die Achtzig und lebt allein in seiner Pariser Wohnung. Seine Tochter Anne besucht ihn beinahe täglich. Neben Anne gibt es noch diese Frau in seiner Wohnung, die er gerade mit einer Gardinenstange verjagt hat. Angeblich soll sich diese Frau um ihn kümmern, stiehlt aber seine Uhr, ohne die er nicht leben kann. Plötzlich steht ein fremder Mann in Andrés Wohnung, die jetzt gar nicht seine sein soll, und behauptet Annes Mann zu sein. Irgendwas stimmt nicht, als habe André „kleine Löcher im Gedächtnis“.

Mit: Ines Buchmann, Thorsten Dara, Johannes Emmrich, Marie-Luis Kießling, Peter Prautsch, Nolundi Tschudi
Regie: Johanna Hasse
Bühne & Kostüme: Christian Klein
Dramaturgie: Catharina Jacobi

// Presse

Gerade noch war Tochter Anne eine hochgewachsene, brünette Mittvierzigerin. Dann kehrt sie ins Wohnzimmer zurück und ist zehn Jahre jünger, blond und irgendwie geschrumpft. Was demente Menschen fühlen, wie ihnen ihr schwindendes Gedächtnis immer wieder Streiche spielt und letztlich den Boden unter den Füßen wegzieht, davon erzählt das französische Erfolgsstück „Vater“.
In Gera spielt die tragikomische Titelfigur Publikumsliebling Peter Prautsch. Anlässlich seines 50-jährigen Bühnenjubiläums ist er am Freitag auf die Bühne zurückgekehrt und berührt mit der Figur des dementen André die Herzen.
André, ein liebenswürdiger, zuweilen aber auch eigensinniger Alter, lebt allein in seiner Pariser Wohnung. Weil er seine Pflegerin des Uhren-Diebstahls verdächtigt und mit der Gardinenstange bedroht hat, nimmt ihn seine Tochter Anne (Ines Buchmann) zu sich.
Dort steigern sich Andrés Wahrnehmungsverschiebungen zusehends: Er vermisst nicht nur seine heiß geliebte Uhr. Plötzlich ist Anne jemand ganz anderes (Marie-Luis Kießling). Mal hat sie unverhofft einen neuen Partner namens Pierre (Thorsten Dara), mal hat es den nie gegeben. Dann will sie nach London ziehen, dann war davon nie die Rede.
Klug und raffiniert erzählt Autor Florian Zeller die Geschichte aus Andrés Perspektive. Der Franzose macht plastisch, wie wirr und beängstigend sich die Welt für einen Demenzkranken anfühlen kann, vor allem dann, wenn der seine Erkrankung noch gar nicht wahrhaben will. Besonders nachvollziehbar wird Andrés psychische Geisterbahnfahrt, wenn Zeller die Schauspieler von Tochter, Pierre und Pflegerin (Nolundi Tschudi) kurzzeitig austauscht (Marie-Luis Kießling und Johannes Emmrich). Da kommt selbst das Publikum vorübergehend ins Rätseln, ob da nicht ein böses Spiel mit dem Alten getrieben wird.
Auch das Bühnenbild (Christian Klein) wird Teil des Spuks. Die lange Corona-Couch wird mehrfach zerteilt und verschoben, dass André bald nicht mehr weiß, wo er ist. Zu Hause bei sich? Bei der Tochter? Oder wo? Im Hintergrund hängen glasige Lamellenvorhänge, die die Schauspieler bei ihren Auf- und Abgängen in schemenhaft-milchige Schleier hüllen. Als würden sie, sobald sie das Zimmer verlassen, in Andrés Kurzzeiterinnerung verblassen.
Es ist eine Inszenierung mit wenigen Mitteln. Regisseurin Johanna Hasse setzt maßgeblich auf das schauspielerische Können ihres Hauptdarstellers. Und der enttäuscht sie nicht. Glaubhaft und berührend verkörpert Peter Prautsch diesen gealterten Ingenieur, der zuweilen noch ganz schelmisch und charmant sei kann, aber auch gnatzig, aufbrausend, verzweifelt und ängstlich.
Florian Zeller lässt das Stück tragisch enden: André landet dort, wo er nie hinwollte: im Heim. Umgeben von völlig fremden Menschen, in einer völlig fremden Umgebung. Und so braucht es am Freitagabend eine Weile, bis das Publikum mit dem Beifall beginnt. Zu bedrückend war dieses letzte Bild. Doch dann brandet er laut auf. Das Publikum erhebt sich. Es würdigt gemeinsam mit Intendant Kay Kuntze einen großartigen Schauspieler, der trotz seiner 73 Jahre hoffentlich noch lange auf der Bühne zu erleben sein wird. Thüringer Allgemeine, 3. Oktober 2020