Secondhand Affairs

// Eine Performance zwischen Kleidern für Körper und Stimmen, UA: 18. Oktober 2012, i-camp München, in Kooperation mit i-camp / neues theater münchen, gefördert durch das Kulturreferat der Landeshauptstadt München, mit freundlicher Unterstützung von Wittmann Textil-Recycling

Ein Raum, gefüllt mit gebrauchter Kleidung. Damit fängt alles an. Ein Stoffberg aus getragenen Röcken, Hosen, Jacken, Mänteln mit fremden Gerüchen, fremden Geschichten und fremden Erinnerungen. Die Sängerin Katrina Krumpane aus Lettland und der Tänzer Ahmed Soura aus Burkina Faso loten den Raum mit den Secondhandkleidern in einer spartenübergreifenden, performativen Begegnung aus und verbinden ihre spezifischen Ausdrucksmittel mit ihren eigenen Arbeits- und Lebenserfahrungen. Beide machen sich selbst zum Thema als Darsteller ihrer eigenen Biographien und geben damit einen persönlichen Einblick, wie sie die heutige Transnationalität erfahren und welche Bedeutung Bräuche, Traditionen, Heimat, kulturelle Identität für sie haben. SECONDHAND AFFAIRS ist angelegt als ein Remix von Erzählungen, die sich während der Performance ineinander verzahnen. Dabei werden die den Gebrauchtkleidern eingenähten Identitäten und Geschichten mit den biographischen und kulturellen Hintergründen der beiden Akteure verzahnt.

Mit: Katrina Krumpane, Ahmed Soura
Regie: Johanna Hasse
Raum & Kostüme: Kerstin Junge
Licht: Rainer Ludwig

// Presse

Gebrauchte Jacken, Hosen, Mäntel, Röcke: Im Stoffberg der Secondhand-Kleidung schlummern die Gerüche, Geschichten und Erinnerungen der Vorbesitzer. Über welche Straßen sind diese Schuhe gegangen? Vor welchem Wetter schützte einst dieser Mantel? Aus welchem Land mag dieses T-Shirt stammen? Fragen über Fragen, die sich mit der Herkunft beschäftigen, mit fremden Bräuchen, Traditionen und kulturellen Identitäten. Was ist Heimat? Wo hört das Bekannte auf und wo fängt die Fremde an? Mit diesen Themen setzen sich die lettische Sängerin Katrina Krumpane und Tänzer Ahmed Soura aus Burkina Faso bei ihrer Performance „Secondhand Affairs“ im I-Camp auseinander.
Unter Regie von Johanna Hasse nutzen sie inmitten des Altkleiderberges ihre Ausdruckdsmittel Tanz und Gesang. Teils ernst, teils humorvoll und mit Selbstironie lassen die beiden Darsteller auch ihre eigenen Biografien und Erfahrungen in ihr Stück einfließen. Während sie genreübergreifend miteinander interagieren, thematisieren sie die Selbst- und Fremdwahrnehmung. Dabei überbrücken Katrina Krumpane und Ahmed Soura Sprachenbarrieren, beleuchten nationale und individuelle Unterschiede, hinterfragen Vorurteile und zeigen Gemeinsamkeiten auf. Süddeutsche Zeitung, SZ Extra, 18. Oktober 2012

Die Bühne ist eigentlich eine Rauminstallation: ein Berg aus getragener Kleidung. Wobei diese Installation einen mit allen Sinnen berührt – sie riecht eigenartig, sie strahlt Wärme ab, sie schluckt Licht. Mit anderen Worten: Schon das Bühnenbild erzählt Geschichten fremder Menschen, Second-Hand-Geschichten. Die Sopranistin Katrina Krumpane aus Lettland und der Tänzer Ahmed Soura aus Burkina Faso nutzen diese mit Bedeutung aufgeladene Raumsituation für “Secondhand Affairs”, sie verweben Tanz, Gesang, Bildende Kunst und eigene wie fremde biographische Notizen zu einer Perfomance, die nicht zuletzt auch ein Nachdenken über Transnationalität ist, über das Selbstverständnis einer künstlerischen Kollaboration, geprägt von zwei ganz unterschiedlichen Lebensläufen, die sich einzig in der migrantischen Erfahrung berühren. Kulturnews, 19. Oktober 2012

Auf der Bühne liegt ein riesiger Berg Kleidung. Gebrauchte Kleidung, die ihre eigenen Geschichten zu erzählen scheint. Die Atmosphäre ist gespannt, geladen, man möchte wissen, was es mit den Hemden, Hosen und Röcken auf sich hat. In Mitten dieses Berges liegen zwei Menschen. Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, zwischen denen sich aber dennoch ein verbindendes Band spannt. Das Band der Musik, des Tanzes und dem Durst nach Leben.
Es sind die Sopranistin Katrina Krumpane aus Lettland und der Tänzer Ahmed Soura aus Burkina Faso, die sich hier in fremde Kleidung hüllen und somit andere Kulturen und Traditionen überstreifen. Bei jeder Bewegung tanzen unzählige Staubkörnchen im Scheinwerferlicht, als wären es aufgeschüttelte Erinnerungen, die an den Kleidungsstücken kleben.
Katrina beginnt zu singen. „Je veux vivre“, „Ich will leben“ aus der Oper „Roméo et Juliette“ von Charles François Gounod. Danach tanzt Ahmed mit jeder Faser seines Körpers. Spätestens jetzt ist man nicht mehr Zuschauer eines geschriebenen Stückes. Es ist vielmehr der Einblick in Lebensausschnitte von Katrina und Ahmed. Mit Hilfe der gebrauchten Kleidung, Tanz und Gesang, lassen sie uns erahnen, welche kulturellen und biographischen Hintergründe, welche Vorurteile und Gemeinsamkeiten sie haben und wie sie die heutige Transnationalität erfahren.
Für den Zuschauer bedeutet das eine Achterbahn der Gefühle. Die Stimmung variiert von gemeinsamen fröhlichem Tanz und Gesang, bis hin zu absoluter Ohnmacht und dem Schrei nach Hilfe von Ahmed. Hilfe für die arme Welt, aus der Ahmed kommt. In dieser Szene geht das Publikumslicht an. Plötzlich ist man nicht mehr bloßer Beobachter, sondern involvierter Akteur einer Szene, die der Realität nicht ähnlicher sein könnte. Ahmed hämmert auf das Piano ein, er sucht Blickkontakt mit den Zuschauern, er ruft nach ihnen. In seinen Augen spiegelt sich das „Je veux vivre“ wieder, das Katrina zuvor sang. Das Band, welches die Beiden verbindet. Aber so wie Katrina, die sich nun hinter dem Berg aus Kleidung, ihrem Reichtum versteckt, bleibt auch das Publikum unsichtbar. Keiner rührt sich, es herrscht eine unangenehme und bedrückende Stille im Raum.
Doch auch die Versöhnlichkeit wird deutlich. Die Liebe dieser beiden Menschen, dieser beiden Welten zueinander scheint immer dann am stärksten, wenn Ahmed und Katrina den Überfluss der Kleidung nicht beachten und einfach nur sie selbst sind. Dann werden aus zwei Welten wieder Eine. Radio M 94.5 online, 23. Oktober 2012