Nacht-Tankstelle

// Eine musikalische Nachtrevue nach Franz Wittenbrink, P.: 15. September 2016, Meininger Staatstheater

Wenn die Supermärkte ihre Pforten längst geschlossen haben, die letzte Runde in der Kneipe schon vorbei ist, die amerikanische Fastfood-Kette das Burgerbraten eingestellt hat und auch keine Rostbratwurst mehr zu bekommen ist, dann gibt es nur noch einen Ort, wo sich Nachtschwärmer, Verlorene und Vorübergehende begegnen: die Nacht-Tankstelle. Hier treffen die Sehnsüchte von Menschen aufeinander, die vielleicht nur einmal kurz tanken wollen und anderen, die auf der Suche sind: nach einem Getränk, etwas zu Essen, nach Wärme, menschlichem Kontakt, einer Bleibe oder Drogen. Per Zufall kommen unterschiedliche Existenzen und Lebensweisen miteinander in Kontakt, finden sich kurz – teilen miteinander vielleicht ihre Sorgen, Wünsche und Hoffnungen, um sich wenig später wieder auf den Weg ins Leben zu machen. Rudolf Hild hat nach dem Vorbild von Franz Wittenbrinks Hamburger Kultstück einen musikalisch-witzig-melancholischen Abend zusammengestellt – natürlich mit einem Happy End, wie man es nur im Theater erleben kann.

Mit: Björn Boresch, Yannick Fischer, Evelyn Fuchs, Peter Liebaug, Renatus Scheibe, Julia Steingaß, Carla Witte
Regie: Johanna Hasse
Musikalische Leitung: Rudolf Hild
Bühne & Kostüme: Christian Rinke
Dramaturgie: Dr. Patric Seibert
Musik: Rudolf Hild, Stefan Groß, Uwe Schamberger

// Presse

Maria an die Tanke ging… Seit dem Wahnsinns-Erfolg von “Evergreen” ist das Meininger Publikum auf den Geschmack der “musikalischen Revue” gekommen. Das Theater offenbar auch: Seit Donnerstag gibt’s einen leicht sentimentalen, aber berauschenden Nachschlag an der Tanke.
Oh Mann! Es ist doch nicht etwa schon wieder…? Doch, es ist! Aber man kommt nicht gleich drauf. Haha. Ein überaus cleverer Einfall der Dramaturgie, erst mal eine alte Dame (Evelyn Fuchs) – mit Rollator und voluminösem Überwurf ausgestattet – auf die Bühne zu schicken. Eine Hirtin beliebe sie keineswegs zu sein, zetert die aus dem Seniorenheim ausgebrochene Rollatorin angewidert. Und faselt etwas von Maria. Hirte? Maria? Hä? Als dann aber plötzlich der Weihnachtsmann, oder sagen wir, ein rot bemäntelter, offenkundig orientierungsloser, leicht angetrunkener, aber bezahlter Geschenkpakete-Zusteller (Yannick Fischer) über die Bühne fegt, dämmert’s plötzlich im Oberstübchen: Es ist Weihnachten!
Mann, eh, deswegen – nicht etwa wegen der Einsneununddreißigneun für den Liter Super – schauen all die Gestalten da vorne so miesepetrig in die (Meininger) Nacht. Heiligabend an der Tanke – na, herzlichen Glückwunsch! Wohl dem, der solche Probleme nicht hat. Andererseits zeigt uns das Meininger Theater in einer gekonnt lokalisierten Version von Franz Wittenbrinks musikalischer Revue “Nacht-Tankstelle” eine schöne Illusion: Wer sich an Heiligabend zu all den anderen vollgefressenen Möpsen auf die Couch gesellen (muss), der verpasst eine irre Weihnachtsnacht in spontaner Schicksalsgemeinschaft. Wie cool das ist, erfahren die Nachteulen, die sich an der Shell in der Leipziger Straße treffen, auch erst nach und nach: Ausgestoßene und Ungeküsste, Verirrte und Verwirrte. Leute, die es nicht in ihren Wohnungen hält, falls sie welche haben. Wo sonst, als an die Tanke, will man hin, wenn die Bordsteine hochgeklappt sind und das goldene “M” erloschen ist?
Eigentlich müsste die Polizeistreife ob der seltsamen Gestalten längst misstrauisch geworden sein, aber vermutlich sitzen alle Beamten gerade unter dem Christbaum. Kein Blaulicht flackert in den Kammerspielen. Die Gestalten bleiben unter sich. Die blonde Kassiererin (Carla Witte) hat den Laden noch aufgesperrt, tappst mit dem Wischer um die Zapfsäulen und holt später die Päckchen mit den kleinen Fälschchen aus dem Schnapsregal. Der rotweintrinkende Philosophieprofessor (Renatus Scheibe) beteuert, zu Hause rausgeflogen zu sein, was er aber eigenartige Weise nicht als Niederlage seines Lebens zu empfinden scheint. Ein Dampflokwerker (Peter Liebaug) radelt vorbei, schwärmt von der Größe seines alten Werkes, “Toast Hawaii” im ehemaligen Schlundhaus, und beklagt, dass die werktätige Hand in der modernen Zeit nicht mehr gebraucht werde.
Auf dem Gerüst – die Tankstelle ist offenkundig schon in die Jahre gekommen – klettert plötzlich eine kleine Punkerin mit fetter Lederkluft und Nasenring (Julia Steingaß): Kein Plan, kein Ziel, Sehnsucht nach Liebe und Freiheit – irgendwie. Ein Junge von der Antifa (Björn Boresch) klebt im Halbdunkel freche Plakate: No Sexism, no Racism – oder so ähnlich. Eine polnische Krankenpflegerin, eine arbeitslos gewordene Bankerin, eine Prostituierte – was es in Meiningen nicht alles gibt! Und mittendrin Maria, die nicht durch den Dornwald ging, nein. Die nur die Straße runterrollerte. Weg aus dem Heim, hin zu den Zapfsäulen, wo zwischen Autoreifen und Ölfässern (das detailversessene Bühnenbild entwarf Christian Rinke) Party ist.
Alles einsame Seelen, auf der Suche nach Menschen. Der flotte Witz, mit dem das alles gespielt wird, ist dünn genug, um diese leicht sentimentale Sehnsucht, die Melancholie, immer wieder anklingen zu lassen. Sie bedienen ihre Rollen, als wären sie das alles selbst, aber sie fallen niemals ins Klischee, dafür hat Regisseurin Johanna Hasse nanometergenau gesorgt – mit einer Ausnahme, zu der wir gleich kommen. Genau deswegen aber macht der Abend, an dem natürlich die Musik die Hauptrolle spielt, weil über sie die einsamen Seelen miteinanander kommunizieren, so wahnsinnig viel Freude. “Rudis Cover Band” (Rudolf Hild, Stefan Groß, Uwe Schamberger) rockt und klimpert auf der Ladefläche eines frühlingsgrünen B 1000.
Wittenbrinks (von Rudolf Hild verfeinerte) musikalische Nummern-Show reicht von Bach bis Johannes Oerding: “Kannst du mich reparier’n” dröhnt es gleich zu Beginn. Dann kommt das “Eisenbahnerlied”, das der eine oder andere vielleicht noch von den Arbeiterfestspielen kennt, “Alkohol” von Grönemeyer, “Panzaknacka” von Ausserkontrolle oder eine wirklich coole Adaption von “Atemlos durch die Nacht”, bei dem sich die nächtliche Schicksalsgemeinschaft am brennenden Ölfass wärmt – nicht die Bronx, nicht NYC, sondern Meiningen, Thüringen.
Klar, der Sound ist die halbe Miete des Abends. Er bebildert auch eigene Erinnerungen. Doch “Nacht-Tankstelle” ist mehr als “Evergreen”. Die Songs berühren anders, weil sie im Spiel eben auch für Glück und Tragik stehen, für das, was sie auf der Bühne von ihren Figuren erzählen: “I want to be forever young” von Alphaville, “Du erkennst mich nicht wieder” von den Helden, “Herbsttag” von Franz Wittenbrink, mit dem Evelyn Fuchs im zweiten Teil des Abend ein unglaublich bewegender Moment gelingt. Oder “Nathalie” des unvergessenen Gilbert Bécaud, das Peter Liebaug herzerwärmend singt. Solche Momente sind es, die etwas von der Frage ablenken, wohin dieser illustre Abend denn nun eigentlich treibt. Was ist das Ziel dieser nächtlichen Tankstellen-Gemeinschaft? Gibt es überhaupt eins?
Spontan kriegen sie Szenen eines ziemlich schrägen Krippenspiels über die Bühne, bei dem das Jesuskind von einer halbleeren Rotweinflasche dargestellt wird. Zu Heiligabend wäre das mal ein echter Kracher in der Kirche. “Nacht-Tankstelle” rutscht damit leider ab in den Klamauk. Da rettet Bach, was zu retten ist: “Jauchzet, frohlocket…”, und am Schluss ein kitschiges “Hallelujah” – so viel Illusion kann eben nur das Theater. Die Wirklichkeit freilich an der Tanke im Morgengrauen danach, die wäre wohl viel trauriger. Freies Wort, 17. September 2016

Atemlos durch die Nacht. Seit Jahr und Tag besuche ich meine Tankstelle um die Ecke. Aber ein Wunder, wie eben in der Meininger Kammerspiel-Tankstelle erlebt, geschah dort meines Wissens noch nie. Vom wundersamen Geschmack des Pappbecherkaffees und der Wandlungsfähigkeit der belegten Käsebrötchen einmal abgesehen. Vielleicht sollte ich es an einem späten Heiligabend versuchen. In diesen höchst sensiblen Stunden nämlich spielt die musikalische Revue „Nacht-Tankstelle“ nach Franz Wittenbrink, inszeniert von Johanna Hasse und musikalisch ins Bild gesetzt von Rudolf Hild und seiner dreiköpfigen „Rudis Cover Band“. Vielleicht würde dann ein Weihnachtswunder geschehen und sich der öde Ort in eine Oase für verlorene Seelen verwandeln. Kein schöner Land in dieser Zeit.
Unterstützt von einer Firma für Tankanlagen hat Bühnenbildner Christian Rinke ein realistisches Shell-Tankstellen-Szenarium mit traumhaften Benzinpreisen, Öltonnen, Altreifen, Baugerüsten, allerlei Krimskrams und einem mit Motorschaden liegengebliebenen Barkas (dem Tourbus der Band) zusammengebastelt. Und die Gestrandeten der Nacht hat er in lebensechte Szenekleidung gesteckt: Julia Steingaß, die Punkerin, Björn Boresch, den Anarchofreak, Peter Liebaug, den ehemaligen Reichsbahner auf Hartz 4 und Vater des Autonomen, Evelyn Fuchs, eine aus dem Heim geflohene Seniorin, Renatus Scheibe, einen Philosophieprofessor, dem die Frau davongelaufen ist, Yannick Fischer, den betrunkenen Weihnachtsmann, Eisbären und Band-Roadie und Carla Witte, die polnische Altenpflegerin, die sich flugs in eine Mechanikerin, Kassiererin, arbeitslose Bankerin und in eine Prostituierte verwandeln kann. Ist das nicht ein fantastisches Häufchen Individuen? Ein bisschen so wie bei Dittsche in der Imbissbude, nur noch viel schräger. Als würde sich die Einsamkeit eines Edward-Hopper-Bildes mit einem Mal in Wohlgefallen auflösen und die traurig mit ihrem Glas Bier vor sich hintümpelnden Nachtgestalten würden magisch in diesen heiligabendlichen Kultort gezogen.
Und was machen sie dort? Sie singen in zweieinhalb Stunden 36 Lieder, ein- bis siebenstimmig, die ihren Lebenskrisen Sinn geben und gleichzeitig ihrem seelischen Überleben im Augenblick dienen. Mit freundlichster Unterstützung der drei Rudi-Freaks von der Ladefläche des klapprigen Barkas. Natürlich haben die Meininger aus dem unerschöpflichen Liedreservoir des Franz Wittenbrink die Perlen herausgeklaubt und mit Texten und Songs gemischt, die der Lage vor Ort angemessen sind. Erstaunlich, wie dieses Kamikaze-Cross-Over die unterschiedlichsten Seelenstimmungen unter einen Hut bringt. Vom Volkslied bis zum Heavy-Metal-Song, von Händels „Hallelujah“ bis zu Tom Waits’ „Blue Valentines“, von Helene Fischer bis Michael Jackson, von Johann Strauss bis Led Zeppelin, vom Krippenlied bis zu Herbert Grönemeyers „Alkohol“.
Bewundernswert, wie das Meininger Inszenierungsteam, die Musiker und die sieben Schauspieler das Ganze so zum Leben erwecken und zum Klingen bringen, dass man das Unmögliche für möglich hält. Am liebsten würde man seinen nächsten Tankstopp in einer hochsensiblen Stunde wählen und die freundliche Kassiererin mit Gilbert Bécauds „Natalie“ beglücken, so wie es der alte Reichsbahner Liebaug tut. Vor allem Evelyn Fuchs, die renitente Omi mit Rollator, hat es mir angetan. Sie flüchtete aus dem Heim, weil sie beim Krippenspiel nicht die Maria mimen durfte, sondern irgendeinen Hirten spielen sollte. Sehr verständlich. Hier, an der Nacht-Tankstelle, ist sie besser aufgehoben, diese Tina Turner von der Werra, wenn sie mit den anderen verlorenen Seelen zwischen Tanksäule 4 und dem Stapel Altreifen atemlos durch die Nacht rockt.
Spätestens beim abschließenden Krippenspiel mit einem herzergreifend kollektivem Bachschen „Jauchzet, frohlocket und preiset die Tage“ erkennt man, welch völkerverbindendes Potenzial eine Nacht-Tankstelle haben könnte, wenn wir uns alle als Gestrandete begreifen würden. – Weiter so, bis in die übernächste Spielzeit, aber bitte kein offenes Feuer neben der Zapfsäule! Main Post, 19. September 2016