FILETSTÜCKE – wem gehört das Land

// Michael Alexander Müller, UA: 6. April 2021 & im Rahmen des Performing Arts Festivals Berlin, eine hybride Simultanaufführung in Kooperation zwischen der Vaganten Bühne Berlin und dem Monsun Theater Hamburg. Gefördert von der Ilse und Dr. Horst Rusch Stiftung und der Claussen-Simon Stiftung.

In dem kleinen Ort Seelenheil unweit der Ostsee finden Architekt Lars Drewes und sein Partner Till Feldmann das perfekte Stück Land für eine Feriensiedlung: Ein Paradies für alle, die der Stadt entfliehen wollen, jenseits des Alltäglichen. Allerdings haben sie dabei die Rechnung ohne die Dorfbewohner:innen gemacht, die mit allen Mitteln versuchen, den Bau zu verhindern und ihn über Jahre verzögern. Was 2004 als Sprungbrett ihrer Karriere gedacht war, wird zu einem 17 Jahre währenden Kampf um Investoren, Bebauungspläne, Genehmigungen und Regenbogenpfeifer.

Ein Paradies für alle, die den profanen Dingen des Lebens entfliehen wollen, bietet ein kleines Theater inmitten einer großen Stadt. Es muss saniert und modernisiert werden. Die Theaterleiterin Frau Kleinhaus investiert in die Barrierefreiheit auf allen Ebenen – kulturell, räumlich, gesellschaftlich. Auch dieses Bauprojekt zieht sich hin. Entwürfe müssen überarbeitet, Finanzpläne angepasst und Genehmigungen von den Behörden eingeholt werden. Dann stürzt das Dach ein.

Drewes, Feldmann und Kleinhaus müssen Wege finden, sich Gehör für ihre Filetstücke zu verschaffen und um ihre Träume und Räume zu retten. Ein Ringen um Zusagen, Sicherheiten, Standortvorteile und Marktstrategien beginnt. Es werden Lebensentwürfe und Hoffnungen verhandelt, Gewinne und Verluste und die Frage: Wem gehört das Land? Was ist der Preis?

FILETSTÜCKE ist eine Kooperation zwischen dem monsun.theater Hamburg und der Vaganten Bühne Berlin. Zeitgleich stehen in beiden Theatern Schauspieler:innen auf den Bühnen, die live einander zugeschaltet werden, in Interaktion und Widerspruch zueinander treten. Zusätzlich werden beide Theaterabende live via Zoom im Internet präsentiert und verbunden. Das Online-Publikum kann eigenständig zwischen den virtuellen Räumen wechseln und sich ortsunabhängig vernetzen.

Mit: Andreas Klopp, Felix Theissen (Berlin), Rilana Nitsch (Hamburg)
Konzept, Raum & Regie: Johanna Hasse (Berlin), Francoise Hüsges (Hamburg)
Video & Live Visuals: Mara Wild (Berlin/Hamburg)
Kostüme: Marie-Luise Otto (Berlin/Hamburg)
Live-Bildregie: Johanna Hasse (Berlin)
Live-Bildregie & Videovorproduktion: Robert Kiehn (Hamburg)
Kameraoperator: Luisa Pehle (Berlin)
Videotechnische Einrichtung: Stella Schimmele (Berlin)
Kameraoperator, videotechnische Einrichtung & Ton: Martin Hüsges (Hamburg)
Technische Leitung & Ton: Philipp Selisky (Berlin)
Technische Leitung & Licht: Ole Schmetzer (Hamburg)
Licht: Malte Hurtig (Berlin)
Dramaturgie & Produktionsleitung: Fabienne Dür (Berlin), Francoise Hüsges (Hamburg)
Regieassistenz & Abendspielleitung: Alexander Schatte (Berlin)

// Presse

Ein kleiner Ort namens Seelenheil mit DDR-Vergangenheit an der Ostsee im ehemaligen Grenzgebiet verspricht viel Idylle und Erholung. Ein perfektes Stück Land für gestresste Großstädter. Fehlt nur noch eine Ferienanlage, dachten sich Architekt Lars Drewes und sein Partner Till Feldmann. Also gingen sie es an, fest entschlossen, einen schicken Hotelkomplex mit allem Pipapo zu realisieren. Auch Bürgermeister Brunkhorst war Feuer und Flamme. Doch nun, 17 Jahre später, ist immer noch nicht viel passiert. Genehmigungen fehlen, die Dörfler protestieren, Investoren springen ab und den Projektentwicklern geht das Geld aus. Genauso lange kämpft auch schon Theaterleiterin Frau Kleinhaus in Hamburg um die Sanierung ihrer Bühne.
Beide Endlos-Projekte versprechen gesellschaftliche Relevanz. Das gehört heute auch bei Bauvorhaben zum guten Ton. Ein Theater dient ja bekanntlich der Allgemeinheit. Bei dem Luxus-Resort in Seelenheil scheinen die Attribute eher ein Beruhigungsmittel für aufgebrachte Dörfler zu sein. Geht es dabei doch eindeutig um Gewinnmaximierung für Investoren. Ausgeheckt hat die Geschichte Michael Alexander Müller. Der fragt sich in seinem Drama „Filetstücke“, wem das Land eigentlich gehört, auf das Drewes sein lukratives Urlaubsparadies setzen will. Der ganzen Gesellschaft oder doch nur denen, die es sich leisten können?
Jetzt hat das Stück eine ungewöhnliche Uraufführung gefeiert: Die Vaganten Bühne Berlin und das monsun.theater Hamburg haben gemeinsam eine Online-Premiere via Zoom gestreamt, die zwei Theaterabende vereint. Der Zuschauer kann dabei zwischen beiden Produktionen hin- und her wechseln. Technisch eine große Leistung der beiden kleinen Theater, die damit zeigen, was digital alles möglich ist.
Felix Theissen als Lars Drewes und Andreas Klopp als Till Feldmann streiten in der Inszenierung von Johanna Hasse auf der Vaganten Bühne mit einer widerspenstigen Bürgerinitiative. Unter anderem um den Lebensraum des Regenbogenpfeifers. Die Dörfler schimpfen aber auch auf die beiden Westler, die aus ihrem unverbauten Paradies einen Naherholungstrampelpfad für reiche Berliner machen möchten. Beim Kürbisfest kochen die Animositäten bei Bier und Eintopf über. Ein Haufen naturbelassener Bauklötzchen steht dabei für hochfliegende Architektenträume. Dazu ist die Bühne in Blau und Grün getaucht. Die stilisierte Anmutung eines Naturidylls am Meer.
Rilana Nitsch als Frau Kleinhaus indes kämpft in Hamburg in der Regie von Francoise Hüsges um ihr nicht subventioniertes Theater. Das gleicht einer typischen Baustelle mit geweißten Rigipsplatten und Plastikplanen. Einsam und alleingelassen, verzweifelt die Theaterleiterin immer mehr. Typisch für Kulturschaffende in der Pandemie. Und Anlass für eine Interaktion mit der Berliner Inszenierung. Denn Lars Drewes ist auch der verantwortliche Architekt für das baufällige Theater. Angesichts einer plötzlich aufgetauchten Sonderausgabe von 120.000 Euro, die Frau Kleinhaus nicht nachvollziehen kann, erweist sich der selbstverliebte Baumeister als Sprücheklopfer. Sondert Allgemeinplätze ab wie etwa, dass sich immer eine Lösung finden lässt. Schlägt vor, einen Kredit aufzunehmen, und weiß, dass der erste immer der schwerste ist.
Wenn die Schauspieler über die semitransparenten Leinwände interagieren, ist die Doppel-Inszenierung am spannendsten. An anderer Stelle schlüpft Rilana Nitsch in die Rolle einer Schlossfrau, die anspruchsvolle Kultur in Seelenheil etablieren will und in Metaphern denkt. Ihre pseudo-intellektuelle Probe mit der Theatergruppe „Da schau her“ mit Andreas Klopp als Taube und Felix Theissen als Wasauchimmer ist definitiv die lustigste Szene des Abends. Von diesen interaktiven Momenten wünscht man sich mehr. Zumal man beim Umschalten zwischen den Produktionen immer weniger in das voranschreitende Geschehen hineinfindet. Was durch die völlig unterschiedlichen Inszenierungen zusätzlich erschwert wird. Berliner Morgenpost, 8. April 2021

“Ich möchte von Ihnen wissen, welche Formen von Theater Sie begeistern!” Frau Kleinhaus (Rilana Nitsch) hat Zeit, Theater neu zu denken: Ihre kleine Hinterhofbühne wird renoviert, und solange der Spielbetrieb ohnehin ruht, lassen sich Barrieren abbauen. Und auch Till Feldmann (Andreas Klopp) und Lars Drewes (Felix Theissen) haben Träume: Sie wollen eine nachhaltige Feriensiedlung bauen, im kleinen Ort Seelenheil an der Ostsee. Ein Paradies. Nur dumm, dass die ursprünglichen Bewohner ihr Paradies nicht so gerne teilen würden…
Michael Alexander Müllers Theaterstück “Filetstücke – Wem gehört das Land” ist böse, tragisch, komisch. Nicht nur inhaltlich, auch formal: Binnen weniger Szenen wird das Stück von der Künstlertragödie zum Polittheater, vom Schwank zur postdramatischen Studie. Johanna Hasse und Francoise Hüsges verschachteln mit ihrer Koproduktion von Berliner Vaganten Bühne und Hamburger Monsun Theater fröhlich weiter: Gespielt wird gleichzeitig in Berlin und Hamburg, auf zwei Ebenen der Konferenzsoftware Zoom. Manchmal berühren sich die Performances, dann ruft etwa Nitsch aus Hamburg bei Theissen in Berlin an, das Spiel wird für einige Minuten zusammengeführt, dann trennen sich die Ebenen wieder.
Was ästhetisch innovativ daherkommt, tut der Konzentration nicht nur gut: Nach einer Weile hat man ständig das Gefühl, etwas zu verpassen, klickt auf die Nachbarbühne, bekommt auch dort nur Bruchstücke mit. Bei den Vaganten wird exzessiv Körpertheater performt? Schnell gucken. Im Monsun gibt es hermetische Abstraktion? Gleich zurück. Beinahe verpasst man die reizende Solopassage, in der Theatermacherin Kleinhaus den Bühnenalltag resümiert: “Ich führe Protokolle und sende irgendwelche Berichte an die Behörde.” Wie immer also. Und doch: Als spannendes Experiment im Bereich des Corona-Theaters ist „Filetstücke“ auf jeden Fall einen Blick wert. In diesem Fall besser zwei. Hamburger Abendblatt, 8. April 2021

“Ich würde es immer wieder machen”, wird die Theaterleiterin (Rilana Nitsch) am Schluss sagen. Doch sie bleibt eine Königin ohne Land. Ihr Traum von einem modernen Theater, das Bühneraum für alle Lebensvorstellungen einer Großstadt bietet, ist vorerst in den Stand einer Utopie gehoben. Ihr kleines Hinterhoftheater, das endlich saniert und barrierefrei werden sollte, ist zurzeit leer. Und das liegt nicht nur daran, das sich das Theater gerade in einem Viruskerker befindet, das alle Aktionen entmaterialisiert hat, das Schauspieler*innen durch Animationen ersetzt und alles eben noch Reale ins Virtuelle entschwinden lässt. Ihr Theaterraum hat sich tatsächlich aufgelöst. Die Theaterleiterin Frau Kleinhaus wollte in die “Barrierefreiheit auf allen Ebenen investieren – kulturell, räumlich, gesellschaftlich” – und sich nun eingewickelt sieht von Zahlenkolonnen, Behördenplänen, Telefonwarteschleifen Kalkulationen, und Protokollen. Das Dach ihres Theaters ist eingestürzt und die Treppe zu ihrer Bühne entfernt. Sie ist gefangen in ihrem Bühneraum, der menschenleer ist. Dort träumt sie von ihrem utopischen Theater und sieht sich zugleich konfrontiert mit Bauleitern, Bürokratie und Baugewerken, die eine Wiedereröffnung in weite Ferne rücken lassen. Ihre reale Baustelle wird so zu einer Metapher für das Verschwinden der Kultur und ihre Transferierung auf die Screens.
Diese Handlung, die sich im Monsuntheater in Hamburg abspielt, ist stark von den tatsächlichen Ereignissen bei der immer noch andauernden Modernisierung des Theaters, die Anfang 2020 begann, beeinflusst. Sie verschränkt sich mit einem zweiten Handlungsstrang, der gleichzeitig auf der Vagantenbühne in Berlin gespielt wird. Dort versuchen der Architekt Lars Drewes (Felix Theissen) und sein Partner Till Feldmann (Andreas Klopp) an der Ostsee in Mecklenburg-Vorpommern eine Ferienhaussiedlung in dem Ort Seelenheil zu bauen, und das schon seit 17 Jahren. Der Widerstand der Dorfbevölkerung legt ihnen ein Hindernis nach dem nächsten in den Weg. Unter anderem durch die Schlossbesitzerin Schranz, die dort lautstark und durchsetzungsgewaltig für den Erhalt ihrer kleinen Schlosstheaterbühne und ihrer alljährlichen Kürbissuppenfeste kämpft.
Laufen die beiden Stücke an den beiden Bühnen auch in unterschiedlichen Bahnen, so verweben sich über punktgenaue Einblendungen immer wieder. Denn Frau Kleinhaus verwandelt sich in Frau Schranz und der Architekt in Hamburg ist auch derjenige, der an der Ostsee bauen will. Die Zuschauer*innen können sich in der Zoomkonferenz in den einen oder anderen Raum ganz nach Belieben einklinken. So ist ein kunstvolles und innovatives Theaterprojekt unter der Regie von Francoise Hüsges (Hamburg) und Johanna Hasse (Berlin) mit dem Text von Michael Alexander Müller umgesetzt worden, das in dieser Zeit der Beschränkung neue Formen ausprobiert. Doch am Schluss ist es wie Frau Kleinhaus erlebt: Wir müssen noch eine Weile träumen von dem Theater, in dem wir uns real begegnen können. Dennoch scheint umso mehr klar, dass das animierte Virtuelle die tatsächliche Begegnung nie ersetzen kann. www.hamburgtheater.de, 6. April 2021

The Vaganten Bühne, an intimate hundred-seat theatre tucked away at the end of an alleyway underneath a movie palace, is known for the diversity of its repertoire, ranging from classics to contemporary drama. Its latest creation Filetstücke (literally, Tenderloins) by Michael Alexander Müller was scheduled to open in April but fell victim to the extended lockdown. With foresight the theatre had prepared for this eventuality; it accepted advance bookings for live and for live-streamed performances and, when it was certain it would not reopen in time for the first night, invited spectators to watch the play online via live-stream. This is what I did.
Given that this is a play about a progressive architect struggling with conservative villagers for permission to build a modern housing estate, the choice of title is baffling until we realise that Filetstücke does not refer to tender cuts of beef but – in the figurative sense – to prime plots of land (Filetstücke as a synonym for high-quality Grundstücke). The play, devised and directed by Johanna Hasse and Francoise Hüsges, is co-produced with the Monsun Theater in Hamburg where it would have been on show in parallel. In their advance publicity, the theatres described the joint enterprise as a “hybrid”, meaning that the central theme – modern architecture in conflict with traditional attitudes – is the same on both stages, but the story lines are different. At the Vaganten, the young architect Drewes (Felix Theissen) and his business partner Feldmann (Andreas Klopp) plan to construct villas and a luxury hotel for affluent holiday-makers from the nearby town; in Hamburg, the manager of an old theatre, Frau Kleinhaus (Rilana Nitsch), wants to renovate the derelict building and convert it into a modern cultural centre. To emphasize the interconnection between the two versions, Frau Kleinhaus makes brief appearances on the Vaganten stage – in person or by video link – to consult her friend Drewes who designed the reconstructed theatre for her. Ample use is made of modern technology. We watch the actors on stage or in recorded videos and films on a screen.
As interesting as this concept is, its implementation on stage is less so. It’s not the fault of the Klopp-Theissen duo. Their valiant efforts to keep us interested in the story cannot distract from the fact that this play suffers from two shortcomings: there is no plot to speak of – hence no thread to follow – and there is almost no dramatic action. What we get here is a series of short scenes keeping us informed about every stage of the building project: the difficulty in finding investors; the struggle with bureaucratic procedures for obtaining permission to build the housing estate, fell old trees for a road enlargement, and demolish a crumbling barn to make room for a car park. Each proposal provokes fierce opposition from the local community and environmentalists. Klopp and Theissen take turns playing the protagonists: the mayor and members of the village council, the head of the tourist office, and the manager of the adjacent nature reserve. In the end, Drewes is fighting alone; his partner has been lured away to a better-paid job in London and Frau Kleinhaus has renounced their friendship. But there is a happy ending. To the tunes of a brass band, Drewes celebrates the completion of the luxury hotel and the end of his seventeen-year long struggle, chronicled here in less than two hours. PLAYS INTERNATIONAL & EUROPE, Vol 36, Summer 2021