Doktormutter Faust
// Fatma Aydemir, P.: 12. März 2026, Theater Plauen-Zwickau
Was passiert, wenn Faust und Gretchen in einer Figur vereinigt werden? Nämlich in Dr. Margarete Faust, Dozentin für Gender Studies, genannt „Prof. Genderterror“. Sie hat studiert – „leider auch Theologie“ – ist hoch renommiert, doch jetzt als Kindsmörderin diskreditiert. Nachdem sie einer Studentin mit Fakultätsgeldern eine Abtreibung finanziert hat, droht ihr hart erarbeiteter Ruf als Wissenschaftlerin in einer rechten Hasskampagne unterzugehen. Du darfst dich den Anfeindungen nicht beugen, warnt ihre Assistentin Valeria. Doch der Dekan will Dr. Faust suspendieren. Da lässt sich Margarete Faust versuchen, von Mephisto, dem Satan, der ihr wieder soziale Anerkennung verspricht und einen Augenblick, zu dem sie sagen will: „Verweile doch, du bist so schön!“. Kaum hat Faust den Pakt mit Mephisto geschlossen, gerät sie in einen Strudel zwischen Lebenslust und Entgleisung, Verantwortung und Rücksichtslosigkeit, an dessen Ende sie sich selbst die Gretchenfrage stellen muss: Wie hast du’s mit der Integrität? Ist sie für den jungen Studenten Karim wirklich nur eine fachlich unterstützende Doktormutter oder nutzt sie ihre Machtposition aus?
Fatma Aydemirs Stück ist eine tiefgründige, aufrüttelnde Auseinandersetzung mit Goethes Klassiker, die das Vorbild ehrt und trotzdem kritisch unterhaltsam aktualisiert. Aydemir fragt nicht nach Opfer oder Täter, sondern wirft einen Blick auf die Zwischentöne, auf die offene Debatte, für die zwischen Shitstorm und Populismus oft kein Platz mehr ist.
Mit: Sarah Bonitz, Joshua Dahmen, Sophie Hess, Hanif Idris, Claudia Lüftenegger
Regie: Johanna Hasse
Bühne & Kostüme: Christian Klein
Musik: Sebastian Undisz
Licht: Torsten Jüngel
Dramaturgie: Luise Curtius
// Presse
Schon Goethes „Faust“ beginnt mit einer Szene, die den Spielplandiskussionen im Intendanzbüro enthoben scheint: Direktor, Dichter und die lustige Person diskutieren darüber, wie das zu spielende Stück beschaffen sein soll. Während der Direktor vor allem auf ein möglichst volles Haus – soll heißen: volle Kassen – hofft, pocht der Dichter auf künstlerische Wahrheit und Tiefe. Er will ein ernstes, anspruchsvolles Kunstwerk schaffen und fürchtet, sich für den Massengeschmack zu verbiegen. Die lustige Person betont das Bedürfnis des Publikums nach der unmittelbaren Wirkung des Theaters und fordert, das Stück müsse lebendig und publikumsnah sein.
Auch Fatma Aydemirs Überschreibung des Klassikers beginnt mit ebendiesem Dilemma (oder müsste man sagen Trilemma?) – ergänzt um die Frage, wie man heute grundsätzlich mit diesem Stoff umgehen müsse. „Du wolltest einen Klassiker. Da hast du ihn.“ – „‚Faust‘ ist so misogyn!“ Ja, wie lässt sich der Faust-Stoff feministisch und machtkritisch für die Gegenwart neu erzählen? Und was bedeutet das konkret für die Figur des Gretchens? Sind doch Macht und Begehren komplexer als simple Täter-Opfer-Modelle. Damit ist eigentlich schon klar, wie der Abend gelesen werden muss: als Umschrift, die den Kanon zwar respektiert, die alte „Gretchenfrage“ jedoch in eine heutige Konsens- und Machtfrage überführt.
Dieses Grundsetting nutzt Regisseurin Johanna Hasse als Inszenierungsprämisse, als ästhetische Anlage, die sich in einen zweistündigen Theater-Versuch im Theater übersetzt. Auf der kleinen Bühne des Theaters Plauen-Zwickau ist alles für die Probe bereit: eine Kaffeemaschine mit Aroma-Taste, ausreichend Stühle für gerade nicht probende Spieler:innen, Kostümstangen, Maskentische und natürlich die Rechercheordner der Dramaturgin. Darin: Artikel über (Ausstattung Christian Klein) das (kultur)politische Programm der AfD. Bereits in ihrem Prolog präsentiert sich die Inszenierung so als Metadrama, als Ringen nicht nur mit einem Klassiker, sondern auch mit den Grenzen des Sag- und Spielbaren im Theater, während sich die politische Realität außerhalb der Bühne radikal verschlechtert.
Im Zentrum der sich daraufhin entfaltenden Handlung steht Professorin Dr. Margarete Faust, eine gefeierte Ikone der Gender Studies. Im von einer rechten Regierung gelenkten Deutschland gerät sie in die Schusslinie der Presse, als publik wird, dass sie einer Studentin einen Schwangerschaftsabbruch im Ausland möglich gemacht hat. Medial wird sie zur „Kindsmörderin“ stilisiert, während ihr Dekan eher über imagepolitische Schadensbegrenzung nachdenkt als über Wissenschaftsfreiheit. Claudia Lüftenegger gelingt es, die Professorin nicht einfach als Rollenmodell einer emanzipierten Faust-Nachfolgerin verkommen zu lassen, sondern sie als Figur zu entwickeln, die sich zwischen Selbstinszenierung und Selbstzweifel aufreibt. Kaum wird sie emotional gefordert – mit Grauzonen konfrontiert (dazu später mehr) –, überwiegt die Unsicherheit.
Dem „Faust“-Modell folgend, erscheint im Moment ihrer größten Verzweiflung Mephisto, um in diese Krise einzugreifen. Sophie Hess verwandelt die Figur in ein tausendgestaltiges Wesen. Mal philosophierender Widerspruchsgeist, mal Vorstadtgöre mit Zaubertricks oder lasziver Vamp. Der „Teufel“ erscheint nicht bloß als Repräsentant des Bösen, sondern als Figur, in der die Grenzen zwischen Begehren und Verführung, zwischen komplexen Fragen und einfachen Fragen ständig ausgehöhlt werden. Er oder sie verspricht keine materiellen Güter, sondern soziale Anerkennung, mediale Aufmerksamkeit, schlichtweg einen „Augenblick, zu dem man sagen will: Verweile doch, du bist so schön!“. Für Dr. Faust wird sich dieser nicht in der Wissenschaft finden, sondern in der Sphäre des Affekts. So landen sie in der Hexenküche (bei Sarah Bonitz und Joshua Dahmen), in einem Gespräch mit Pick-up- Artist (mit Incel-Anleihen) auf einer Party (aka Auerbachs Keller) und zur Walpurgisnacht auf einem queeren Rave.
Als Kern der „Faust“-Wette tritt anstelle von Gretchen Karim, ein marokkanischer, muslimischer und schwuler Student, der bei Dr. Margarete Faust promovieren möchte. Karim fühlt Faust gegenüber nicht nur akademische Anerkennung, sondern auch sexuelle Anziehung. Gleichzeitig ist seine universitäre Karriere und sein Aufenthaltsstatus von einer Promotion bei Faust abhängig. Folglich entspinnt sich zwischen Faust, Karim und Mephisto ein Spiel der Grauzonen von Begehren, Machtmissbrauch und Konsens, in dem Täter- und Opferrollen ständig kippen und die klassische Gretchenfigur gewissermaßen in allen Figuren demontiert wiederkehrt. Eindrücklich zeigt sich hier, wie politisierte Begehren und Personenkult in emanzipatorischen Bewegungen selbst in problematische Machtverhältnisse umschlagen können.
Die Kernfrage lautet: Wie viel darf Faust ihre ohnehin schon brüchige Machtposition in der akademischen Welt nutzen, um dem eigenen Verlangen nachzukommen? Johanna Hasse und das Ensemble lassen diese Spannung nicht in einer einfachen Moral aufgehen, sondern zeigen, wie sich Annäherung und Verletzung, Zuneigung und Machtverhältnis ineinander verflechten. Hanif Idris zeichnet einen Karim, der sich verzweifelt nach einem Platz im Leben sehnt, ohne jemandem wehzutun, der zwischen Identität, Zugehörigkeit und sozialer Verletzlichkeit balanciert – und dabei gerade in die Falle einer ungleichen Beziehung gerät.
Hasse inszeniert diesen Stoff feinfühlig und zugleich kollisionsfreudig. Besonders zeigt sich das im eskalativen Moment zwischen Karim und Faust. Durch sein diffuses, auch körperliches, Begehren gegenüber seiner Dozentin, hat Karim erste Annäherungen zwischen den beiden zugelassen. Faust entblößt daraufhin ihren Oberkörper (klare Setzung Hasses, in Aydemirs Text zieht sich Faust komplett aus), was er als Grenzüberschreitung wahrnimmt. Auf Fausts Versuch, Konsens aus vorherigen Handlungen abzuleiten, entgegnet Karim ruhig: „Es sind Dinge passiert, mit denen ich nicht einverstanden war.“ – „Warum hast du mir das nicht gesagt?“ – „Sie haben mir keine Gelegenheit dafür gegeben. Sie haben mich nicht gefragt.“ Und ja, das gilt auch für das Entblößen des Oberkörpers. Theater der Zeit, 18. März 2026
Es ist ein dystopisches Deutschlandbild, das Fatma Aydemir in „Doktormutter Faust“ zeichnet. Eine rechte Regierung hat die Macht übernommen. Abtreibungen werden wieder strafrechtlich verfolgt. Gender Studies verboten. Und auf dem Theater sollen gefälligst wieder mehr deutsche Klassiker, am besten in Reinform, zumindest aber als zeitgemäße Überschreibung gespielt werden. Was geht da? „Maria Stuart“? „Kabale und Liebe“?
Der „Faust“ vielleicht, wenn man das Gretchen weglässt, findet eine Dichterin in der Diskussion mit einer Theaterdirektorin, der man auf der Kleinen Bühne des Theaters Plauen-Zwickau folgen darf. Die Kindsmörderin ist nun wirklich nicht mehr zu retten, auch nicht mit feministischer Herangehensweise. Wie ist das nun, wurde Gretchen verführt? Vergewaltigt? Gibt es Grautöne? Argumente fliegen hin und her zwischen Dichterin und Direktorin, politische Fahnenwörter fliegen schneller durch die Luft, als man sie mitschreiben könnte. Von „erfassen“ wollen wir gar nicht reden.
Am Ende einigt man sich auf einen Versuch. Der bringt dann Doktormutter Faust als Theaterversuch im Theater hervor: Margarete Faust, Expertin zu Schuld und Scham, wird in Shitstorms als „Professor Dr. Genderterror“ verfolgt. Ihr Dekan ist nicht gewillt, die Wissenschaftsfreiheit gegen den konservativen Rollback zu verteidigen. Nur mehr Doktorandin Valeria steht Professor Faust zur Seite. Ist das genug, um am Leben zu bleiben? Als die Pistole am Kopf landet, ist Mephisto da, verspricht Lebenslust, Genuss statt Wissenschaftsverdruss. Die Wette gilt!
Fatma Aydemirs Stück vollzieht die Szenenfolge des Faust mindestens in Sachen Raum nach: Vom verbildlichten Elfenbeinturm führt die Reise in einen neuzeitlichen Auerbachschen Keller und in eine Hexenküche, auf den Blocksberg und in den Kerker. Nur Gretchen erscheint eben nicht. Stattdessen Karim, marokkanisch, muslimisch, schwul. Auch er ist ein Fan von Margarete Faust, will bei ihr promovieren. Für Frau Professor ist Karim ein Objekt des Begehrens, das Versprechen darauf, dass Mephisto seine Wette gewinnen kann.
Doch Fatma Aydemir dreht nicht einfach die Geschlechterrollen des Faust-Dramas um. Tatsächlich macht sie nicht aus der Frau den Täter, aus dem Mann das Opfer. Stattdessen begibt sie sich in die Grauzonen: Wie sehr darf Faust ihre bald schon obsolete Machtposition im Wissenschaftsbetrieb noch nutzen, um in Karims Nähe zu sein? Kann Annäherung, Zuneigung zwischen so ungleichen Partnern entstehen? Wie sehr gelten die zugeschriebenen Geschlechterbilder überhaupt noch? Hat nicht auch Karim Macht über Faust, allein, weil er ein Mann und ihre gesellschaftliche Rolle ohnehin schon angegriffen ist?
Viel Diskussionsstoff ist das für zwei Stunden, die damit leicht zum langweiligen Proseminar ausarten könnten. Dass sie es nicht tun, ist einerseits einer feinen Textvorlage zu verdanken. Nur bruchstückhaft, dafür passgenau und witzig sind Faust-Zitate in Wissenschafts-, Alltags- und Jugendsprache eingewoben. Andererseits führt Regisseurin Johanna Hasse ihr Ensemble feinfühlig durch die Szenen, weiß hier das Tempo anzuziehen, dort auf die Bremse zu drücken und mit Musik (Sebastian Undisz) und Ausstattung (Christian Klein) immer wieder mal neue Reize zu setzen.
Zwei Spieler, drei Spielerinnen wechseln gekonnt zwischen den ihnen zugewiesenen Doppel- und Dreifach-Rollen. Claudia Lüftenegger gibt neben der Theaterdirektorin eine Margarete Faust, die trefflich theoretisieren kann, doch bei jeder Gefühlsregung von Unsicherheit übermannt wird. Hanif Idris‘ Karim ist gezeichnet vom verzweifelnden Ansinnen, einen, seinen Platz im Leben zu finden und dabei niemandem wehzutun. Ergreifend tapsig nähern sich Karim und Margarete immer mehr an, bis doch eine Grenze überschritten wird.
Ein wenig passiv gespielt und etwas langatmig scheint nur Karims Erklärung für sein anschließendes Tun, die er kurz vorm Finale abgibt. Sophie Hess hingegen glaubt man jedes Wort: Sie macht aus Mephisto den Teufel in fast tausend Gestalten: mal philosophierender Widerspruchsgeist, mal Vorstadtgöre, mal Zauber-Girl mit echten Tricks, mal lasziver Vamp. Auch Sarah Bonitz (Valeria, Hexe, Johannes) und Joshua Dahmen (Hexe, Paul) wissen, ihre recht unterschiedlichen Nebenrollen auszufüllen, und runden so das ausgewogene Ensemblespiel ab.
Was bleibt? Sich nach einem unterhaltsamen Theaterabend selbst in Erinnerung zu rufen, dass die Dystopie im Stück vielleicht nur einen Wahlabend weit entfernt ist. In der, so kann man fast sicher sein, dürfte „Doktormutter Faust“ wohl nicht mehr aufgeführt werden. Schade wär’s. Die Deutsche Bühne, 13. März 2026
Hat nicht jeder einen Mephisto auf der Schulter sitzen, der einen verführerischen Vorschlag ins Ohr wispert? „Diese Welt geht doch sowieso den Bach runter. Warum sie zu einem besseren Ort machen?”, fragt Sophie Hess in der Rolle des Mephisto Faust.
Vieles erinnert in der Neuinszenierung am Theater Plauen-Zwickau an den Klassiker unter den Schülerquälereien. Hexenküche, Walpurgisnacht und Goethe-Zitate: alles da. In Fatma Aydemirs Schauspiel „Doktormutter Faust” ist das Gegenüber des Teufels aber eine Frau, Professorin Dr. Margarete Faust (Claudia Lüftenegger) – eine von ihren Studierenden gefeierte Genderstudies-Ikone.
Faust gerät nach der Enthüllung, einer Studentin bei einer Abtreibung im Ausland geholfen zu haben, ins Visier einer rechten Regierung und von Abtreibungsgegnern. Ein Shitstorm beginnt, der ihre Karriere beendet. In dieser Krise erscheint Mephisto und schließt mit Faust einen Seelenpakt für höchsten Genuss. Faust wünscht sich eine Affäre mit ihrem deutlich jüngeren Doktoranden Karim (Hanif Idris), der sie zwar bewundert, sich der Verführung jedoch nur widerwillig und aus Gründen von Abhängigkeit hingibt. Wann beginnt die Grenzüberschreitung? Wann wird aus Feminismus Selbstverleugnung? Fast ihr ganzes Leben forschte Faust über Machtgefälle und Schuld, um trotzdem genau über diese Kante zu stolpern. Karim verharrt in dieser Inszenierung nicht als hilfloses Gretchen und emanzipiert sich aus der Opferrolle. Seit Hanif Idris am Haus ernstere Rollen zugetraut werden, bringt er eine Ruhe und Tiefe in sein Spiel, die auch der Rolle des Karim eine Entwicklung über die Projektion Faustischer Wünsche hinaus zulässt.
Das Stück verhandelt den Faust-Stoff in einer Probebühnen-Situation: den Streit zwischen Dichterin und Intendantin über die Aktualität des Faust-Stoffes genauso wie eine gewerkschaftliche Atempause von zehn Minuten. Die ist auch nötig, denn das Stück ist derart aufgeladen mit theoretischem Diskurs, dass man zuweilen nicht mehr sicher ist, ob man noch im Theater oder in einer Genderstudies-Vorlesung hockt.
So viel Wokeness und drängende Aktualität das Schauspiel auch auf die Bühne bringt, verhakt es sich doch an einer Abfolge von erwartbaren Konsequenzen. Vieles stellt die Inszenierung unter der Regie von Johanna Hasse zwar auf den Kopf, nicht zuletzt die Gretchenfrage, rüttelt an Geschlechterrollen und Rollenbildern, streift sie jedoch nicht völlig ab. „Ich kann mich dieser Welt nicht entziehen”, sagt Faust zum Schluss. „Es gibt kein Entkommen.”
Während Hess als Mephisto in schillernden Farben zwischen Geschlechteridentitäten changiert und ihrer Spielfreude allen Raum geben darf, steckt Lüftenegger als Faust im Verneinen von Weiblichkeit beinahe in einer klassischen Hosenrolle – um dann doch als Doktormutter ausgerechnet mit dem nackten Busen ihren Studentenjin die Ecke zu drängen. Die Provokation eines höchst unangenehmen Moments für die Zuschauenden als Zeugen – während sich für Faust ein drängender Wunsch erfüllt.
Regisseurin Hasse sagte vorab über klassische Literatur wie den „Faust”, dass man diese „benutzen und überschreiben” kann, um neue Perspektiven zu gewinnen. Bis das Premierenpublikum Donnerstagabend zu Jubel und Applaus fand, fielen ein Moment lang erst ein paar Groschen. Es ist eben immer eine Frage der Perspektive. Freie Presse, 13. März 2026

























