Der arme Heinrich

// Eröffnungsspektakel nach Hartmann von Aue, UA: 15. September 2011, 20. Greizer Theaterherbst, Vogtlandhalle Greiz

Das Eröffnungsspektakel zum 20. Greizer Theaterherbst taucht ein in die Gründungsgeschichte der Stadt Greiz vor mehr als 800 Jahren. Schicht um Schicht wird die Legende vom armen Heinrich entblättert, die der mittelhochdeutsche Minnesänger und Epiker Hartmann von Aue um 1209, als Greiz erstmals urkundlich erwähnt wurde, niederschrieb. Im Zentrum steht ein vom Aussatz befallener Ritter, der das selbstlose Blutopfer eines jungfräulichen Mädchens in letzter Sekunde ablehnt und dafür von seiner Krankheit auf wundersame Weise durch die Gnade Gottes geheilt wird. Durch die Wiederentdeckung im 19. Jahrhundert durch die Brüder Grimm erlebte der Versepos eine wahre Welle der Renaissance in der Literatur, die bis heute fortdauert. Zahlreiche Übertragungen ins Neuhochdeutsche, Nachdichtungen, Adaptionen und Dramatisierungen zeugen davon, wie mit dem armen Heinrich Geschichte und Politik gemacht wurde und wird. So stößt man bei der Tiefenbohrung auf den Grund dieser alte Märe nicht nur auf eine romantische Heldengeschichte mit Happy End, sondern auch auf allerhand begraben geglaubte Geister, die jedoch in anpassungsfähigen Anzügen bis heute unter uns fortleben. Das Eröffnungsspektakel schlägt denn auch einen Bogen vom mittelalterlichen Legendenspiel zum zeitgenössischen Bühnenspiel in der neuen Vogtlandhalle, das kritisch die Geschichte hinter der Geschichte beleuchtet.

Mit: Bürger der Stadt Greiz und Gäste
Regie: Tobias Sosinka, Johanna Hasse
Musikalische Leitung: Ulrich Blumenstein
Bühne: Jörg Flessa
Licht: Peter Schmidt, Jürgen Kanis
Electronics: PC
Kostüme: Sabine Petri

// Presse

Mit dem Spektakel “Der arme Heinrich” ist der 20. Greizer Theaterherbst eröffnet worden. Eine grandiose Collage aus Wutbürgern, Opfermut und Macht des Geldes. “Keine Atempause, Geschichte wird gemacht. Es geht voran”, hämmert der Song der Punkband Fehlfarben aus den Lautsprechern hinter der neuen Vogtlandhalle. Demonstranten tragen ein großes Spruchband: “Empört euch!” Sie rütteln am Bauzaun, hinter dem sich ein riesiger Abrissbagger von Dotzauer aus Lengenfeld in das alte Stadttheater frisst. Polizei rückt mit Blaulicht an, um die wütenden Bürger zu vertreiben. Der gelackte Dr. Heinrich tritt ans Mikrofon und kann nicht verstehen, warum das Volk nicht bejubelt, was er und sein, einen Geldkoffer tragender Pressesprecher beschlossen haben. So begann am Donnerstagabend das Eröffnungsspektakel des 20. Greiser Theaterherbstes, “Der arme Heinrich” nach Hartmann von Aue, der als einer der bedeutendsten Epiker der mittelhochdeutschen Klassik um 1200 gilt.
Ritter, Reiter, Hexen, alte Jungfern, Spielleute und Gaukler versetzten die Zuschauer dann aber doch in die Vergangenheit und durchpflügten den Greiser Acker der Geschichte. Der gelackte Dr. Heinrich (Stephan Marek) verwandelte sich in Ritter Heinrich, der vom Aussatz befallen wird. Der mephistohafte Kofferträger (Peter Vollmer) wurde Hartmann von Aue höchst selbst. Mit Koffer begaben sie sich auf die Suche nach Heilung. Das Publikum folgte ihnen neugierig ins Innere der Vogtlandhalle: die Kassenpatienten links, die Privaten rechts. “Nichts zu machen”, tönten die Quacksalber. Dann aber erfuhr Heinrich von einem Arzt in Salerno, dass es doch ein Heilmittel gibt: Das Herzblut einer sich freiwillig opfernden Jungfrau. Das aber schien aussichtslos. Heinrich zog sich verzweifelt auf einen Meierhof zurück. Die Tochter des Bauern (Melissa Ploß) wurde seine Begleiterin und bot schließlich an, sich für ihn zu opfern. Denn ohne Herrn könnten auch die anderen nicht leben. Geld aus dem Koffer ließ ihre Eltern einknicken. Und so düsten Heinrich und die Jungfrau auf Motorrädern zu jenem unheimlichen Arzt (Ulrich Blumenstein) nach Salerno. Ein Vorhang verbarg, was sich dort zutrug.
Während die Erzählerin auf der Vorbühne werkgetreu berichtete, wie Heinrich in letzter Sekunde voller Mitleid einschritt, das Mädchen vor dem Messer rettete und damit auch sich selbst erlöste, bot sich – als sich der Vorhang wieder hob – ein ganz anderes Bild: Ein blutüberströmter lebloser Mädchenleib auf einem Stuhl, während der gesundete gelackte Dr. Heinrich mit seinem Geldkofferträger eilig das Weite suchte.
Das, was man erzählt bekommt, ist das Gegenteil von dem, was geschieht. Ein trefflicher Seitenhieb auf die heutige Welt. Und die wütenden Bürger? Die hängten zum Schluss das Spruchband “Bürgerbühne” mitten aufs Podium, worauf sich, begleitet von tutenden Warnsignal, der Eiserne Vorhang schloss. Der Rest war nicht enden wollender Applaus für ein grandioses Spektakel. Regie führten Johanna Hasse und Tobias Sosinka. Aus einem tollen Ensemble ragten neben den genannten Solisten die Akteure aus dem Greizer Behindertenwohnheim Carolinenfeld sowie Vertikalseil-Akrobatin Crystalle aus Berlin heraus. Ein Fest für die Sinne und den Geist. Freie Presse, 17. September 2011

Die schrille und doch zugleich zum Nachdenken anregende Adaption des 1209 von Hartmann von Aue geschriebenen Epos war der Auftakt des XX. Greizer Theaterherbstes “Geschichte wird gemacht”. Eine Inszenierung, die dank ihrer Opulenz und Unkonventionalität auch selbst Geschichte gemacht hat – nicht nur bei den gut 500 Zuschauern, sondern auch, weil im Stück real ein echtes Theater zumindest teilweise abgerissen wurde. Aber, wie gelingt es, ein über 800 Jahre altes Verswerk, dessen Sprache von der heutigen soweit entfernt ist wie der Mond zur Erde, und dessen Autor wohl nur Germanisten ein Begriff ist, verständlich in die Gegenwart zu verankern? Die Berliner Regisseure Tobias Sosinka und Johanna Hasse schälen das Stück bis auf die Kernaussagen zurück und befeuern es mit (Greizer) Aktualität und nicht zuletzt mit der Diskussion um den Abriss des alten Greizer Theaters und der Nutzung der neuen Vogtlandhalle.
Die Theaterherbstinszenierung “Der arme Heinrich” präsentierte sich dem Zuschauer als ein Parabelstück, das Lautes und Leises, Sensibilität und Exzessives vereint und darüber nicht vergisst, zum Weiterdenken anzuregen. Einen besseren Auftakt hätte der XX. Greizer Theaterherbst auch dank der darstellerischen Kraft aller Ensemblemitglieder und besonders der Gruppe Menschen mit einer Behinderung aus dem Wohnheim Carolinenfeld in seinem Jubiläumsjahr kaum haben können. Vogtland Anzeiger, 17. September 2011

Der Greizer Theaterherbst hat gestern Abend mit “Der arme Heinrich” nicht nur die 20. Festivalsaison eröffnet, sondern zugleich auch die Vogtlandhalle erobert. Doch bevor die eingenommen werden kann, musste das alte Theater fallen. Folgerichtig rückte der Bagger dem in die Jahre gekommenen Musentempel zu Leibe, wenn auch unter Protest. Feuerspucker, Pferde, Live-Musik, Ritterkämpfe und Stelzenläufer gab es zu bestaunen. Als Höhepunkt folgte ein weiterer Akt der Eroberung der Vogtlandhalle: Sogar vom Dach aus wurde gespielt, die Zuschauer von ganz oben ins Innere gelockt. Die folgten dem Ruf nur allzu gerne.
Spektakuläre Einlagen gab es auch auf der großen Bühne, die nicht einmal vor Motorrädern sicher war. Akrobatik oder eine mit ihrem Gesang einmal mehr überzeugende Steffi Jetschke, die im Käfig über der Bühne schwebte, gehörten zu den Höhepunkten. Die Darsteller um Stephan Marek spielten mit Herzblut, und damit ist nicht nur das gemeint, auf das der arme, schwerkranke Heinrich für seine Heilung angewiesen ist. Nur das selbstlose Blutopfer einer Jungfrau kann den vom Aussatz Befallenen retten. Dass dabei Geld eine nicht unerhebliche Rolle spielt, aber eben auch Liebe, und dass das Ende nicht immer glücklich sein muss, all das ließen Tobias Sosinka und Johanna Hasse, die Berliner Regisseure, im Stück erzählen. Klingt nach schwerer Kost, ist es aber keineswegs. Frisch und witzig präsentierten sich die Laiendarsteller einem begeisterten Publikum. Ostthüringer Zeitung, 16. September 2011