Bruchlinien

// Michael Alexander Müller, UA, Berlin-Premiere: 3. September 2020, Hamburg-Premiere: 4. November 2021, eine simultane ON-OFFline-Koproduktion zwischen dem Theater unterm Dach Berlin und dem Monsun Theater Hamburg. Gefördert von der Ilse und Dr. Horst Rusch Stiftung, der Claussen-Simon Stiftung, der Freien und Hansestadt Hamburg, Behörde für Kultur und Medien, und dem Bezirksamt Pankow von Berlin, Amt für Weiterbildung und Kultur.

Theater unterm Dach Berlin 2020: Auf der Bühne und als Livestream

Monsun Theater Hamburg 2021: In einer Wohnung als Livestream

BRUCHLINIEN ist ein öffentlicher Bericht, in dem zwei wahre, aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen anonym gehaltene Fälle sexuellen Missbrauchs verhandelt werden. Da ist das Mädchen, das von ihrem Stiefvater jahrelang unter den Augen ihrer Mutter missbraucht wurde, und der Junge, der von seinem Jugendbetreuer eines Eisenbahnvereins über mehrere Jahre hinweg vergewaltigt wurde. Zwei Kinder, eingeschüchtert und gefangen in ein System aus Verrat, Manipulation, psychischem Druck und brutaler Gewalt im vertrauten Umfeld. Zwei Kinder, die das Erlebte über Jahre verdrängt und aus Angst und Schamgefühl geheim gehalten haben. Jahre später erst können sie sich ihrer Vergangenheit stellen, brechen das Schweigen und stellen Strafanzeige.

Sie übergeben ihre Akten, Erinnerungsprotokolle und Briefe dem Autor Michael Alexander Müller, der ihr Erlebtes zu einem Theatertext dramatisiert hat. Eine Berichterstatterin und ein Berichterstatter rekapitulieren das Geschehen für die Öffentlichkeit. Vergangenes wird gegenwärtig. Während beide Fälle juristisch verjährt sind, erwachen die Menschen und ihre Schicksale hinter den Akten zu neuem Leben, geben Auskunft und fordern Aufklärung. Analog auf der Bühne und digital per Livestream und Online-Chat.

Mit: Melissa Anna Schmidt, Urs Fabian Winiger
Konzept & Regie: Johanna Hasse
Konzept & Ausstattung: Francoise Hüsges
Video & Live Visuals: Mara Wild
Licht: Thomas Schick
Technik OFFline: Oliver Gayk, Robert Schüller, Armin Andor
Technik ONline: Martin Hüsges, Kianosh Kinz, Ole Schmetzer

// Presse

„Sexueller Missbrauch hat auch etwas mit Machtstrukturen zu tun“, sagt der Schauspieler Urs Fabian Winiger am Ende der Vorstellung von Bruchlinien im intimen Theater unterm Dach, als er das Publikum einlädt, zu diesem sensiblen und bedrückenden Thema mitzudiskutieren. Was soll man dazu sagen? „Chapeau“ an diese Spielstätte vielleicht, dass sie die Zeilen von Autor Michael Alexander Müller auf die Bühne bringt!
Das Bühnenbild ist dezent gehalten (Ausstattung: Francoise Hüsges): Da hängen vorhangartig Rechtecke von der Decke, mehrere hintereinander, und die Schauspieler Melissa Anna Schmidt und Urs Fabian Winiger, beide sensibel und ausdrucksstark in ihren Rollen, wechseln zwischen den Ebenen, so wie sie die Perspektiven und Themen wechseln.
„Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs untersucht Ausmaß, Art und Folgen der sexuellen Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR seit 1949“, ist im Programmheft zu lesen. Autor Müller, 2012 mit dem „Rolf Mares Preis“ (Verdienste ums Hamburger Theaterleben) ausgezeichnet, hat sich von der Arbeit dieser Kommission „inspirieren“ lassen, soweit dieses Wort in diesem Zusammenhang passend ist, und sich persönliche Geschichten von Opfern angeschaut.
“Bruchlinien”, da tritt ein Mädchen in Erscheinung, das von ihrem Stiefvater jahrelang vor den Augen der Mutter missbraucht wird, und ein Junge, der von einem Jugendbetreuer missbraucht wird. Machtstrukturen, die Vertrauen und Abhängigkeiten ausnutzen – erst Jahre später wird von den Opfern Strafanzeige gestellt. Autor Müller gibt den Opfern eine Stimme und wirft Fragen zum juristischen und gesellschaftlichen Umgang mit den Themen auf.
Respektvoller Applaus der Zuschauerinnen und Zuschauer, für dieses dramaturgisch und sprachlich vielleicht eher dezent gehaltene Stück. Mag sein, dass dies der dann auch richtige Ton ist. Schweres Thema mit Augenmaß auf die Bühne gebracht. www.theaterpur.net, September 2020

„Hier ist dein Logenplatz!“ Francoise Hüsges zeigt auf ein Kissen, das auf einer Treppenstufe liegt. Von hier darf ich Zeuge sein, wie aus einer Wohnung ein Live-Filmstudio wird. Die Familienwohnung der Intendantin des Monsuntheaters wird zum Schauplatz ihrer Neu-Inszenierung ihrer Koproduktion mit dem Theater unterm Dach „Bruchlinien“. Das Stück, das letztes Jahr schon in einer Hybridaufführung zwischen Berlin und Hamburg gezeigt wurde, sollte im November eigentlich auf der Baustelle des in der Renovierung befindlichen Monsun Theaters zur Aufführung gelangen. Doch im letzten Moment entschieden die Behörden: keine Aufführungsgenehmigung! Eine andere Bühne musste her. Hüsges geriet ins Nachdenken. Wäre eine Wohnung nicht die beste Bühne für ein Stück, das sich mit dem Missbrauch von Kindern beschäftigt. So ist ihre Wohnung, die sich mit ihrem Mann Martin und ihren zwei Kindern teilt, nun komplett verkabelt und bis auf die Schlafzimmer mit so viel Technik vollgestopft, wie es ein professionelles Filmset erfordert.
Sieben Kameras sind installiert, in jedem Raum Scheinwerfer aufgehängt und Bildschirme und Projektionsgeräte platziert. Ein Raum ist zu Technik-Schaltzentrale geworden. Vier Arbeitsplätze sind hier entstanden, von wo aus der Einsatz der sieben Kameras, der Sound das Licht und die Videoprojektionen gesteuert werden. Der Ehemann Martin Hüsges verrät: „Die Corona-Fördertopf für hybride Aufführungsformen machte das möglich. Wir sind mittlerweile gut ausgestattet.“ Da er beim NDR arbeitet, konnte er die Inszenierungen am Monsun Theater mit seinem Fachwissen unterstützen. Während die beiden Schauspieler:innen Melissa Anna Schmidt und Urs Fabian Winiger letzte Stimmübungen machen, den Sitz der Haare und des Mikros überprüfen, eine Songzeile auf dem Klavier spielen und sich Toi-Toi wünschen, treffen die vier Techniker:innen letzte Verabredungen. Martin sagt: „Ich zähl die Zeit runter. Drei Minuten vor Beginn geht ihr vor die Wohnungstür in den Flur.“ Die Nervosität bei den beiden Darsteller:innen steigt.
Nur drei Tage hatten sie zum Proben. Erst am Montag sind sie zusammen mit der Regisseurin Johanna Hasse aus Berlin angereist. Drei Tage haben sie geprobt und das Bühnenstück in dem veränderten Setting neu in Szene gesetzt. Dass das Stück von Michael Müller auf der Bühne hervorragend funktioniert, hatten sie bei Aufführungen in Berlin und ihren Gastspielen schon erlebt. Doch würde sich diese Wirkung auch auf das Setting einer Wohnung zwischen Badezimmer, Küche, Wohnzimmer, Balkon und Flur übertragen bzw. sogar noch steigern lassen? In dem damals abstrakten Bühnenbild von Francoise Hüsges, das aus von der Decke hängenden Vorhängen aus Rechtecken bestand, die zugleich Raum erschufen aber auch Durchgänge zuließen, war die Metaebene stets Teil des Schauspiels gewesen. Doch in einem häuslichen Rahmen, der mit viel Holz, warmen Farben und persönlichen Gegenständen Geborgenheit vermittelt? Wie würde es hier gelingen, auch die Draufsicht zu vermitteln?
Martin zählt runter: „1:30, 30 Sekunden, 20, 10.“ Das Stück beginnt vor der geschlossenen Wohnungstür. Die Beiden sind aus meinem direkten Blickfeld verschwunden. Doch ich kann sie sehen. Schräg über meinem Logenplatz hat das Team für mich einen Bildschirm aufgehängt. In eine der Kameras sprechend bereiten sie die Zuschauer:innen auf das Kommende vor. Sie seien die Berichterstatter von zwei wahren Fällen, in die sie nun eintreten werden.
Damit öffnet sich die Tür und Urs und Melissa legen im Flur ihre Mäntel ab. Behutsam nähern Sie sich ihren Geschichten und schlüpfen in alle darin existierenden Rollen. Sie werden zu dem Mädchen, das über ein Jahrzehnt von ihrem Stiefvater missbraucht wurde, und zu dem Jungen, der von einem Betreuer im örtlichen Eisenbahnverein sexuell genötigt wurde. Zur Mutter, die zuschaute, zu den Tätern, die sich rechtfertigen, zum Staatsanwältin, die rein sachliche Fragen stellt, zur Therapeutin, die bei Aufarbeitung helfen soll. Während sich die Zeitebenen verschneiden, wechseln Urs und Melissa von einem Raum zum nächsten. Wenn das Mädchen vom Wohnzimmer in die Küche hetzt und wieder zurück, um den Bilder der Vergangenheit zu entkommen und dabei überall dem Gesicht ihres Missbrauchers begegnet, das auf die Wände und Jalousien geworfen wird, braucht es keine weiteren Worte. „Du wolltest es doch auch, Dir hat es doch gefallen,“ versucht er ihr einzureden. Wenn die Polizistin den Jungen fragt, ob er sich gewehrt hätte und warum er denn immer wieder in den Verein gegangen wäre, ist der Junge sprachlos. „Sich wehren, wogegen?“ Dann hätte er ja schon damals wissen müssen, dass das Verhalten des Betreuers, den er so verehrte, falsch war. Wie soll das einem Kind möglich sein?
Noch mehr als in der Bühnenversion macht die filmische Inszenierung in einer echten Familienwohnung deutlich, dass die heimische Schutzzone plötzlich genau deswegen zur Gefahrenzone werden kann, weil hier alle Hüllen der Vorsicht fallen gelassen werden. Hier will, soll und darf man sich sicher und beschützt fühlen, hier darf man Vertrauen haben und erfahren. Umso traumatischer ist die Auswirkung für das gesamte Leben eines Kindes, wenn dieses Urvertrauen ausgenutzt und missbraucht wird. Beeindruckend wie präzise die Technik schnurrte, wie flexibel die Schauspieler:innen sekundenschnell die Räume, die Rollen wie die Stimmungen wechselten, wie sie sich von sachlichen Berichterstattern zu betroffenen missbrauchten Kindern verwandelten und deren Nöte gerade in den Close-Ups, die mit der Kamera möglich wurden, nachfühlbar werden ließen.
Zum Schluss verrät mir der Schauspieler Urs: „Erst war es mir nicht recht, dass du da plötzlich im Flur sitzen solltest. Doch im Nachhinein muss ich sagen: Das hat den Flur zu einem Zwischenreich, zum einem Umschaltort gemacht, der dem Stück noch eine weitere Ebene gegeben hat.“ Genau so fühlte ich mich: An einer Nahtstelle zwischen Bühne und Film, zwischen Direktheit und Bildschirm, zwischen Berichterstattung und Realität. Eine beeindruckende Arbeit, die man bis zum 27.11.21 noch miterleben kann. www.hamburgtheater.de, 5. November 2021