Bruchlinien

// Michael Alexander Müller, UA: 3. September 2020, eine simultane ON-OFFline-Koproduktion zwischen dem Theater unterm Dach Berlin und dem Monsun Theater Hamburg. Gefördert von der Ilse und Dr. Horst Rusch Stiftung, der Claussen-Simon Stiftung und dem Bezirksamt Pankow von Berlin, Amt für Weiterbildung und Kultur.

BRUCHLINIEN ist ein öffentlicher Bericht, in dem zwei wahre, aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen anonym gehaltene Fälle sexuellen Missbrauchs verhandelt werden. Da ist das Mädchen, das von ihrem Stiefvater jahrelang unter den Augen ihrer Mutter missbraucht wurde, und der Junge, der von seinem Jugendbetreuer eines Eisenbahnvereins über mehrere Jahre hinweg vergewaltigt wurde. Zwei Kinder, eingeschüchtert und gefangen in ein System aus Verrat, Manipulation, psychischem Druck und brutaler Gewalt im vertrauten Umfeld. Zwei Kinder, die das Erlebte über Jahre verdrängt und aus Angst und Schamgefühl geheim gehalten haben. Jahre später erst können sie sich ihrer Vergangenheit stellen, brechen das Schweigen und stellen Strafanzeige.

Sie übergeben ihre Akten, Erinnerungsprotokolle und Briefe dem Autor Michael Alexander Müller, der ihr Erlebtes zu einem Theatertext dramatisiert hat. Eine Berichterstatterin und ein Berichterstatter rekapitulieren das Geschehen für die Öffentlichkeit. Vergangenes wird gegenwärtig. Während beide Fälle juristisch verjährt sind, erwachen die Menschen und ihre Schicksale hinter den Akten zu neuem Leben, geben Auskunft und fordern Aufklärung. Analog auf der Bühne und digital per Livestream und Online-Chat.

Mit: Melissa Anna Schmidt, Urs Fabian Winiger
Konzept/Regie: Johanna Hasse
Konzept/Ausstattung: Francoise Hüsges
Video/Animation: Mara Wild
Licht: Thomas Schick
Technik OFFline: Oliver Gayk, Robert Schüller, Armin Andor
Technik ONline: Ole Schmetzer, Jonas Fülscher

// Presse

„Sexueller Missbrauch hat auch etwas mit Machtstrukturen zu tun“, sagt der Schauspieler Urs Fabian Winiger am Ende der Vorstellung von Bruchlinien im intimen Theater unterm Dach, als er das Publikum einlädt, zu diesem sensiblen und bedrückenden Thema mitzudiskutieren. Was soll man dazu sagen? „Chapeau“ an diese Spielstätte vielleicht, dass sie die Zeilen von Autor Michael Alexander Müller auf die Bühne bringt!
Das Bühnenbild ist dezent gehalten (Ausstattung: Francoise Hüsges): Da hängen vorhangartig Rechtecke von der Decke, mehrere hintereinander, und die Schauspieler Melissa Anna Schmidt und Urs Fabian Winiger, beide sensibel und ausdrucksstark in ihren Rollen, wechseln zwischen den Ebenen, so wie sie die Perspektiven und Themen wechseln.
„Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs untersucht Ausmaß, Art und Folgen der sexuellen Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR seit 1949“, ist im Programmheft zu lesen. Autor Müller, 2012 mit dem „Rolf Mares Preis“ (Verdienste ums Hamburger Theaterleben) ausgezeichnet, hat sich von der Arbeit dieser Kommission „inspirieren“ lassen, soweit dieses Wort in diesem Zusammenhang passend ist, und sich persönliche Geschichten von Opfern angeschaut.
“Bruchlinien”, da tritt ein Mädchen in Erscheinung, das von ihrem Stiefvater jahrelang vor den Augen der Mutter missbraucht wird, und ein Junge, der von einem Jugendbetreuer missbraucht wird. Machtstrukturen, die Vertrauen und Abhängigkeiten ausnutzen – erst Jahre später wird von den Opfern Strafanzeige gestellt. Autor Müller gibt den Opfern eine Stimme und wirft Fragen zum juristischen und gesellschaftlichen Umgang mit den Themen auf.
Respektvoller Applaus der Zuschauerinnen und Zuschauer, für dieses dramaturgisch und sprachlich vielleicht eher dezent gehaltene Stück. Mag sein, dass dies der dann auch richtige Ton ist. Schweres Thema mit Augenmaß auf die Bühne gebracht. www.theaterpur.net, September 2020