Judenhass in Europa

// Dokumentarfilm von Andreas Morell und Johanna Hasse, Erstausstrahlung: 29. August 2018, WDR Fernsehen in der Reihe „Die Story“

Die Angst geht wieder um in Europa. Regelmäßig fürchten sich jüdische Menschen vor Angriffen auf offener Straße, ihre Kinder berichten von Mobbing in der Schule. Friedhöfe werden geschändet, bei Aufmärschen Hassparolen skandiert. Die Doku geht den Ursachen für diese neue Welle des Antisemitismus nach, in Deutschland sowie in den Nachbarländern Polen und Frankreich.
Der Film ist vor allem die Bestandsaufnahme eines Problems: ein Film über Menschen zwischen Verzweiflung und Hoffnung, zwischen Aufgeben und Widerstand.

Nominiert für den CIVIS Medienpreis 2019 in der Kategorie CIVIS TV.VIDEO Information (non-fictional) und für den Deutsch-Französischen Journalistenpreis (DFJP) 2019 in der Kategorie Multimedia.

  • Ausführende Produktionsfirma: 3B-Produktion GmbH Berlin
  • Länge: 44 Minuten

 

// Presse

Der Westdeutsche Rundfunk hat einen Film zum zweiten Mal gedreht. Es geht um „Judenhass in Europa“. Nichts anderes verheißt die Dokumentation von Johanna Hasse und Andreas Morell. Sie zeigen, wie alltäglich Antisemitismus in Europa geworden ist, in Polen, Frankreich oder Deutschland. Sie zeigen, was geschieht, wenn die Mitte der Gesellschaft sich für das, was an den Rändern geschieht, nicht interessiert und gleichgültig bleibt; was geschieht, wenn man linken, rechten und religiösen Extremisten mit Nachsicht begegnet und sich die Demokraten nicht auf den gemeinsamen Nenner einigen, ohne den die freie Gesellschaft zugrunde geht – dass die Menschenrechte unteilbar sind und der Staat zerfällt, wenn er sie nicht für jedermann verteidigt. Mit dem Aufmarsch der Rechtsradikalen in Chemnitz, vorher mit den Straßenschlachten der Antifa in Hamburg und rassistisch motivierten Angriffen auf Minderheiten werden uns gerade Lektionen darin erteilt.
Ein Film über Judenhass in Europa vom Westdeutschen Rundfunk? Drehen wir die Zeit etwas mehr ein Jahr zurück. Damals zeigte der WDR im Ersten eine fast identische Dokumentation: „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ von Sophie Hafner und Joachim Schroeder. Doch der Sender zeigte sie erst nach massiver öffentlicher Kritik daran, dass man den Film in der Schublade hatte verschwinden lassen wollen. Der deutsch-französische Kultursender Arte, der das Stück bestellt hatte, kniff. Der Film entspreche nicht der „editorialen Linie“, sagte der Programmdirektor Alain Le Diberder. Warum genau und wieso man dies durch redaktionelle Betreuung nicht hätte ändern können, sagte er nicht. Der Film war polemisch, er provozierte, weil er zeigte, woher der Judenhass in Europa kommt – von rechts wie von links, von Nationalisten, Israel-Kritikern und Muslimen, Alteingesessenen und Zugewanderten. Hier sah man zum ersten Mal, wie im Pariser Vorort Sarcelles eine propalästinensische Demonstration in einen Angriff auf eine Synagoge mündete. Hier sah man Franzosen jüdischen Glaubens, die sich ihres Lebens nicht mehr sicher fühlen und ihre Auswanderung nach Israel vorbereiten. Wir hatten die Stimme der Philosophin Élisabeth Badinter im Ohr, welche inständig an Gesellschaft und Politik appellierte, die Juden nicht alleinzulassen.
Der Film lief also, doch wurde er wegen vermeintlicher Mängel vor aller Zuschaueraugen zerlegt und hernach vom Programmdirektor des WDR, Jörg Schönenborn, live in Grund und Boden kritisiert. Es ging allein um Selbstrechtfertigung. Auf einmal aber geht es doch, mit denselben Stationen, denselben Bildern und denselben Gesprächspartnern. In Warschau ist zu besichtigen, was es bedeutet, wenn eine Partei wie die PiS („Recht und Gerechtigkeit“), die auf kulturelle Homogenität hinarbeitet, an der Regierung ist. Antisemitismus gibt es nach ihrem Dafürhalten per Definition nicht, es hat ihn nie gegeben, kann ihn gar nicht geben. Zugleich sprechen jugendliche Aktivisten der PiS in einem Atemzug vom Kommunismus, der vermeintlichen Weltherrschaft der Juden und von Versklavung der Polen. In Frankreich hat es seit 2006 elf Morde an jüdischen Bürgern gegeben, vier davon 2012 bei einem Anschlag auf eine Schule in Toulouse. Die Taten wurden ausnahmslos von muslimischen Terroristen verübt. Wieder hören wir Élisabeth Badinter, die davon spricht, wie schnell der „neue Antisemitismus“ um sich gegriffen habe. 52 000 Juden sind in den letzten Jahren aus Frankreich ausgewandert, 460 000 lebten nach einer Zählung des Jewish Policy Institute 2017 noch im Land. „Ich hatte Angst um die Sicherheit meiner Kinder“, sagt eine Auswanderin, die mit ihrer Familie nach Israel ging. Er lade alle Juden aus Europa ein, hierher zu kommen, sagt ihr Mann.
In Deutschland verzeichneten die jüdischen Gemeinden 2016 rund hunderttausend Mitglieder, die Zahl ist seit mehr als zehn Jahren in etwa konstant. Die größte Gemeinde ist in Berlin mit knapp zehntausend Mitgliedern versammelt. In Berlin werden auch die meisten antisemitischen Straftaten gezählt, achtzig in den ersten sechs Monaten dieses Jahres, der Statistik nach fast ausschließlich von Rechtsextremen verübt, der Erfahrung der Opfer nach sind die Angreifer jedoch mehrheitlich Muslime. Einundachtzig Prozent sind es, einer Befragung der Universität Bielefeld zufolge. Den Angriff auf den Inhaber des Restaurants „Feinbergs“ sehen wir in all seiner brutalen Offenheit. Da brüllt ein Alteingesessener seinen Hass heraus, wieder und wieder, und garantiert dem Restaurantbesitzer und seiner ganzen Familie den baldigen Tod: Er solle nur warten, in fünf, spätestens zehn Jahren sei es so weit. Der Tod wird Juden auch auf der Al-Quds-Demonstration in Berlin gewünscht.
„Mensch ist Mensch, wir sind eine Hand“, sagt der aus dem Libanon stammende Schülersprecher des Ernst-Abbe-Gymnasiums, an dessen Einstellung die Filmautoren die Hoffnung knüpfen, dass es nicht kommt, wie Élisabeth Badinter befürchtet, und wir eine Flucht der Juden aus ganz Europa erleben. Entschieden wird darüber, sagt Levi Salomon vom Jüdischen Forum für Demokratie, jetzt, hier und heute. Um darauf aufmerksam zu machen, hätte der WDR diesen Film nicht in seinem dritten Programm um 22.10 Uhr verstecken müssen. Aber immerhin, er läuft. Ein Pflichtprogramm. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29. August 2018

Mit den Hintergründen halten sich Johanna Hasse und Andreas Morell in ihrer Dokumentation nicht lange auf. Sie werden allenfalls am Rande gestreift: Woran liegt es eigentlich, dass sich an Juden seit 2000 Jahren immer wieder Hass entlädt? Morell und Hasse fragen auch nicht danach, wo die Grenze liegt zwischen Kritik am Staat Israel und Judenfeindlichkeit. Die beiden Filmemacher steigen direkt am schärfsten Punkt ein: Bei der konkret geäußerten Verachtung für Menschen jüdischen Glaubens, bei der körperlichen Gewalt gegen sie und bei Mord an Juden. In den deutschen Medien wird in jüngster Zeit häufiger über Angriffe auf jüdische Menschen auf offener Straße berichtet, über Mobbing in Schulen, das sich gegen jüdische Kinder richtet, über Gräber, die geschändet werden, über Aufmärsche, bei denen die Teilnehmer Hassparolen gegen Juden skandieren.
Johanna Hasse und Andreas Morell belassen es nicht bei dem Gefühl, dass solche Vorfälle sich in jüngster Zeit häufen. Sie belegen das mit Zahlen. Und hier beleuchten sie auch die Hintergründe und sehen die Ursache im wieder erwachten Nationalismus, der vor allem seit der Flüchtlingswelle 2015 großen Zulauf erhalten habe. Um sich auf die Spurensuche zu begeben, sind die beiden nach Frankreich, Polen und Berlin gefahren, haben mit Betroffenen, Rabbinern, Philosophen, Historikern und Vertretern jüdischer Einrichtungen gesprochen. In Polen treffen sie Jacek Mietlar. Es ist ein ehemaliger katholischer Priester, der den nationalistischen Blog „Gott, Ehre, Vaterland“ betreibt und seine pauschalisierten Verurteilungen vorträgt: Die Ansichten der Juden würden zum moralischen Verfall und zur Versklavung eines Landes führen.
Solchen unreflektierten Äußerungen setzen sie die Gedanken von Menschen wie Antonia Samecka entgegen. Die Modeschöpferin kreiert Kleidung, die zionistische Symbole tragen. Sie sagt: „Es gibt in Polen eine tief verwurzelte Angst gegen andere Gesellschaften“ und sie meint auch: „Man hasst Juden genau wie Schwule, Araber und Schwarze.“ Solche Leute würden schlicht das Anderssein mancher Menschen verabscheuen. Als „Antisemitismus ohne Juden“ bespotten polnische Juden den Hass gegen sie, denn: Ihr Anteil an der polnischen Bevölkerung ist seit der Schoah sehr gering. Exakte Zahlen gibt es nicht. Das Moses Schorr Centre schätzt ihre Zahl auf etwa 100.000, bei knapp 39 Millionen Polen. Frankreich ist das einzige europäische Land, in dem es in jüngster Zeit Juden wegen ihres Glaubens ermordet wurden. Dort ist die Welle der Auswanderungen von Juden nach Israel besonders groß. Das Problem des Antisemitismus verorten die Interviewpartner im Film vor allem auf muslimischer Seite.
Am Ende zeigt der Film Aktivitäten, die den Hass in Deutschland eindämmen sollen, indem sie die Verständigung fördern: Ein Rabbi versucht, Gespräche zwischen Muslimen und Juden zu initiieren. Eine Moschee in Berlin-Neukölln, die interreligiöse Diskussionen veranstaltet. Am Berliner Ernst-Abbe- Gymnasium haben neun von zehn Schülern einen Migrationshintergrund. Hier initiiert das Team um Schulleiter Tilmann Kötterheinrich-Wedekind regelmäßig Möglichkeiten, sich mit Andersdenkenden und anderen Religionen zu befassen: Interkulturalität gehört zum Curriculum der Schule. „Wir wollen ein Bewusstsein für Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit wecken“, sagt der Schulleiter. Der Schüler Hussein Youssef, der aus einer palästinensischen Familie kommt, bringt das Ziel so auf den Punkt: „Zeigen: Der Mensch ist Mensch.“ Das sind in die Zukunft weisende Möglichkeiten, Hass und seinen Auswüchsen vorzubeugen. Aber hinsichtlich der aktuellen Situation – und auch vor dem Hintergrund der Ausschreitungen in Chemnitz, die einen fremdenfeindlichen Hintergrund haben – stellt sich die Frage, ob solche Bemühungen ausreichen. Neue Osnabrücker Zeitung, 29. August 2018