Johanna Hasse
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Drei Engel für Bert // Eine Recherche über den guten Menschen
Theater unterm Dach Berlin 2017

Regie & Text: Johanna Hasse
Bühne & Lichtkonzept: Thomas Schick
Produktionsleitung: Eva-Karen Tittmann
Pressearbeit: Paulina Papenfuß
Mit: Birte Flint, Judith Mauthe, Melissa Anna Schmidt

Um es vorweg zu sagen: Es gibt ihn, den guten Menschen. Aber doch niemals in reinster Form. Zumal, wenn mehr als fünfzig Gebote gelten sollen. Du lieber Himmel, und das auf Erden! Dem kann keiner gerecht werden, weil sie einfach jeden überrollen. Also wird auch kein Mensch allein die Welt retten können. "Drei Engel für Bert" sollen ihn aber bei der "Recherche über den guten Menschen" finden. So ist Berts Auftrag in Johanna Hasses Inszenierung im Theater unterm Dach. Die Engel - Birte Flint, Judith Mauthe, Melissa Anna Schmidt - würden für Bert natürlich gern jeden Auftrag erfüllen. Von Optimismus werden sie bei diesem allerdings nicht geplagt. Dazu kommt, dass die Verständigung mit dem Chef schlecht ist. Es gibt nur seine Stimme (Thomas Georgi) aus dem Lautsprecher, und der lässt mehr krrrrrrrrrrrrr als alles andere von sich hören. Jedenfalls keineswegs deutlich wie beim Krimivorbild "Drei Engel für Charlie". Die Entfernung zu dem sich bedeckt haltenden Bert - es ist ja wohl klar, wer damit gemeint ist, wenn man an "Der gute Mensch von Sezuan" denkt -, ist eben beträchtlich. "Der Sieg der Vernunft kann nur der Sieg der Vernünftigen sein", schnarrt Bert. Die Engel werden immer ratloser. Wer sind denn jetzt wieder Puntila und Matti? Alles sehr interpretationsfähig. Auf ihre Forderungen an einzelne Menschen, für die die Schauspielerinnen abwechselnd die Rollen der Befragten übernehmen, hört man immer wieder: "Das schaffe ich nicht." Bert zitiert auch Adorno: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen." Sie wolle doch alles richtig machen, kaufe Bio-Produkte, trenne Müll und alles das, verteidigt sich eine Schauspielerin in der Rolle einer Frau aus Prenzlauer Berg. Was denn noch? Die Zeit der 68er sei doch wohl vorbei. Und während sie ihre guten Taten aufzählt, wird der Frau komplette Kapitalismuskritik entgegengeschleudert. Im Brechtschen Sinne reihen sich die Szenen bis hin zur heute gar nicht mehr undenkbaren grotesken Prügelei auf höchster Politikerebene in einer Show aneinander, stehen für sich, ohne sich zu verbinden. Das ist von Johanna Hasse durchdacht, konzentriert verarbeitet. Alles endet im Vergleich von Fakten in Deutschland und deutscher Verfassung. Dieses Armutszeugnis können die Zuschauer mit nach Hause nehmen. Dazu die Aussicht auf paradiesische Zustände am Sankt-Nimmerleins-Tag als Belohnung für Güte. (Neues Deutschland, 6. April 2017)

Das Bühnenbild ist minimalistisch: An der hinteren Wand stehen lediglich drei weiße Stoffschränke und vier Sitzwürfel. Aus diesen Schränken treten nun die "Drei Engel für Bert": Birte, Judith und Melissa. Bert, ein Unbekannter, hat ihnen die Aufgabe gegeben, nach einem guten Menschen zu suchen. Nur einen einzigen guten Menschen müssen sie finden. Dann sei es möglich, dass die Welt bleibt wie sie ist. Das Stück besteht aus Tanzeinlagen, Gesang und Dialogen - Ideengeber ist die erfolgreiche US-Film- und TV-Serie "Drei Engel für Charlie". Ob die Engel Erfolg haben bei ihrer Mission? Zunächst einmal diskutieren sie über die Attribute, die einen guten Menschen ausmachen. Eine zählt dann die zehn Gebote auf: "Du sollst nicht töten, du sollst nicht fremdgehen, du sollst Vater und Mutter ehren..." Doch das allein reiche nicht. Es wird verlangt, tolerant, liebevoll, pünktlich und effektiv zu sein. In Anbetracht der grausamen Welt da draußen erscheint es den Engeln unmöglich, eine Person zu finden, die all diese Voraussetzungen erfüllen kann. Über einen Lautsprecher am Rand der Bühne wird jetzt Bert zugeschaltet. Er fragt nach dem Stand der Recherche. Melissa, Birte und Judith berichten, sie reflektieren dabei ihr eigenes Verhalten, wiegen ihre Fehler mit den Versuchen auf, etwas Gutes zu tun. "Ich habe bei Primark eingekauft, aber dafür fahre ich immer mit dem Rad." Die Bekleidungskette wird von einigen wegen der Billiglohn-Produktion kritisiert. Was muss man denn nun tun, um ein gutes Leben zu führen? Reicht es, Bio-Eier zu kaufen, oder sollte man auch auf die Plastiktüten verzichten? "Wen soll ich zuerst retten, die Tiere oder die Flüchtlinge? Ich bin überfordert." lautet ein Statement. Ist es möglich, Konsum und Genuss zu vereinen? Judith denkt, dass es funktioniert. Vergnügen und Verantwortung schlössen sich nicht aus. "Endlich sind die 68er mit ihrem Haferschleim und Strickpullis vorbei", sagt sie. Melissa ist anderer Meinung: "Tritt einer Partei bei, beweg' wirklich was." Alles andere sei doch alles nur Feelgood-Aktivismus. Im Hintergrund macht Birte Yoga. Es folgt eine Szene, in der die Populisten der Gegenwart im Boxring gegeneinander antreten: Donald Trump gegen Wladimir Putin, Geert Wilders gegen Jaroslaw Kaczynski, Marine Le Pen gegen Victor Orban und zum Schluss Norbert Hofer gegen Frauke Petry. Was ist nur mit der Welt passiert? Bert meldet sich ein letztes Mal, verabschiedet sich. Die Engel werden es schon noch schaffen, die Mission zu erfüllen. Nun fantasieren sie über die Lösung der globalen Probleme. "Was, wenn sich alle Politiker der Welt an einen Tisch setzen und die Wirtschaft gerecht unter allen Ländern aufteilen. Also eine Planwirtschaft, nur, dass sie diesmal funktioniert." "Man müsste die Menschen ausrotten", sagt Judith. "Oder auf einem Bauernhof in Brandenburg wohnen, Selbstversorgung", meint Birte. In der letzten Szene stellen die Engel Gesetz und Realität gegenüber. Sklaverei sei verboten, doch es gebe menschenunwürdige Fabrikarbeit, Prostitution, Menschenhandel. Die Würde des Menschen ist unantastbar, und doch gebe es Angriffe auf Flüchtlingsheime. Die Moral des Stückes: Es ist noch viel zu tun. (Tagesspiegel, 23. März 2017)

 

Ox & Esel // Ein Weihnachtsstück ab 5 Jahren von Norbert Ebel
Theater Naumburg 2016

Regie: Johanna Hasse
Bühne & Kostüme: Sanna Dembowski
Mit: Peter Johan, Michael Naroditski

Das Ende erwärmt das Herz. Während über Ochse und Esel, die sich zur Nachtruhe und das Jesuskind liebevoll zwischen sich gebettet haben, langsam anheimelndes Dämmerlicht hereinbricht und durch das Fenster der Stern von Betlehem leuchtet, heben die eingespielten Stimmen des Dresdner Kreuzchores zu "Stille Nacht" an. Still bleibt es im Zuschauerraum, nachdem der letzte Ton verklungen, der Theatervorhang sprichwörtlich gefallen ist. Erst als Ochse und Esel sich verbeugen, ertönt Beifall, aber, weil nur von wenigen Erwachsenen gespendet, nicht kräftig genug, um die dargebotene Leistung annähernd zu würdigen. Das Gros der etwa 70 Grundschüler sitzt regungslos da. Das war wenige Augenblicke zuvor noch anders. Während "Ox & Esel", das diesjährige Weihnachtsstück des Theaters Naumburg, über die Bühne ging, gerieten die Mädchen und Jungen vom Geschehen gefesselt geradezu außer Rand und Band, fieberten mit oder gaben ganz unaufgefordert eigene Regieanweisungen. So sehr sogar, dass Ochse und Esel, gespielt von Michael Naroditski und Peter Johan, oftmals gegen den großen Lärmpegel aus dem Zuschauerraum ankämpfen mussten, wobei sie erstaunlich souverän in ihrem Spiel blieben, das, ebenso wie die Inszenierung von Regisseurin Johanna Hasse und die Ausstattung von Sanna Dembowski, lautstarken Applaus verdient hätte. In knapp einer Stunde erzählt die anrührende, für Jung und Alt gleichermaßen amüsante Naumburger Inszenierung von Norbert Ebels Bühnenstück die Weihnachtsgeschichte, in der jedoch zwei der drei Hauptakteure fehlen: Josef und Maria. Das Jesuskind liegt allein im Stall - im Abendbrot des Ochsen, der über die lebende "Beilage" keineswegs erfreut ist, und durch die der Haussegen im trauten, mit Kamin ausgestatteten Stall von Ochs und Esel in Schieflage gerät. Während sich im Esel mütterliche Gefühle regen, beharrt der Ochse auf die traute Zweisamkeit. Erst als Soldaten des Königs das Kind einsammeln wollen, stellt sich der Ochse schützend vor das wehrlose Wesen. So unausgesprochen darin einig, das Kind zu behalten, bis die Eltern auftauchen, geraten sie in Streit über die Rollenvergabe. Wer gibt die Mutter, wer den Vater? Beinahe neben all der Aufregung her erfahren die Kinder alles Wissenswerte über diese biblische Geschichte. (Mitteldeutsche Zeitung, 1. Dezember 2016)

Da möchte er sich nach einem harten Tag einfach nur hinsetzen und essen und dann das: Da liegt etwas in seinem Abendbrot. Etwas, das noch lebt. Ein Kind. Der Ochse ist außer sich und brüllt nach seinem Stallmitbewohner: dem Esel. Als der von seinem Tageswerk - er musste eine auf dem Glatteis ausgerutschte "Kräuterhexe" zum Arzt schleppen - heimkehrt, kommt ihm die Idee, dass es das Jesuskind sein könnte. Und schon ist der Zuschauer mittendrin in der biblischen Geschichte von "Ox und Esel", die Regisseurin Johanna Hasse nach der Vorlage von Norbert Ebel als Weihnachtsgeschichte auf die Naumburger Theaterbühne bringt. Ochse und Esel, gespielt von Michael Naroditski und Peter Johan, gehören seit frühchristlicher Zeit zur Darstellung der Geburt Jesu. In dem Stück für Kinder ab fünf Jahren werden aus den beiden Randfiguren kurzerhand die Hauptfiguren. Die beiden Tiere übernehmen notgedrungen die Elternschaft über das kleine Bündel. Denn von Maria und Josef fehlt jede Spur. Ob sie wieder auftauchen, bleibt in dem knapp einstündigen Schauspiel offen. Der Fokus liegt vielmehr darauf, wie sich die beiden Tiere dem Menschenkind annehmen. Während im Esel sich schnell Mitleid, und Fürsorge regen, stellt sich der Ochse stur. Aber nur so lange, bis ein Soldat und drei merkwürdige Männer hinter dem Kind her sind. Und schon legen sich die beiden ins Zeug, das Baby zu beschützen. Während sich Ochse und Esel mühen, haben die Zuschauer ihren Spaß. Denn das Stück lebt von Slapstick und viel Verwirrung. (…) Voll Originalität steckt - das zeichnet sich in der Probe ab - das Stück, das letztlich auf kindgerechte Weise erzählt, weshalb alljährlich Weihnachten gefeiert wird. (Naumburger Tageblatt, 17. November 2016)

 

Nacht-Tankstelle // Eine musikalische Nachtrevue nach Franz Wittenbrink
Meininger Staatstheater 2016

Musikalische Leitung: Rudolf Hild
Regie: Johanna Hasse
Bühne & Kostüme: Christian Rinke
Dramaturgie: Dr. Patric Seibert
Musik: Rudolf Hild, Stefan Groß, Uwe Schamberger
Mit: Björn Boresch, Yannick Fischer, Evelyn Fuchs, Peter Liebaug, Renatus Scheibe, Julia Steingaß, Carla Witte

Maria an die Tanke ging… Seit dem Wahnsinns-Erfolg von "Evergreen" ist das Meininger Publikum auf den Geschmack der "musikalischen Revue" gekommen. Das Theater offenbar auch: Seit Donnerstag gibt's einen leicht sentimentalen, aber berauschenden Nachschlag an der Tanke. Oh Mann! Es ist doch nicht etwa schon wieder...? Doch, es ist! Aber man kommt nicht gleich drauf. Haha. Ein überaus cleverer Einfall der Dramaturgie, erst mal eine alte Dame (Evelyn Fuchs) - mit Rollator und voluminösem Überwurf ausgestattet - auf die Bühne zu schicken. Eine Hirtin beliebe sie keineswegs zu sein, zetert die aus dem Seniorenheim ausgebrochene Rollatorin angewidert. Und faselt etwas von Maria. Hirte? Maria? Hä? Als dann aber plötzlich der Weihnachtsmann, oder sagen wir, ein rot bemäntelter, offenkundig orientierungsloser, leicht angetrunkener, aber bezahlter Geschenkpakete-Zusteller (Yannick Fischer) über die Bühne fegt, dämmert's plötzlich im Oberstübchen: Es ist Weihnachten! Mann, eh, deswegen - nicht etwa wegen der Einsneununddreißigneun für den Liter Super - schauen all die Gestalten da vorne so miesepetrig in die (Meininger) Nacht. Heiligabend an der Tanke - na, herzlichen Glückwunsch! Wohl dem, der solche Probleme nicht hat. Andererseits zeigt uns das Meininger Theater in einer gekonnt lokalisierten Version von Franz Wittenbrinks musikalischer Revue "Nacht-Tankstelle" eine schöne Illusion: Wer sich an Heiligabend zu all den anderen vollgefressenen Möpsen auf die Couch gesellen (muss), der verpasst eine irre Weihnachtsnacht in spontaner Schicksalsgemeinschaft. Wie cool das ist, erfahren die Nachteulen, die sich an der Shell in der Leipziger Straße treffen, auch erst nach und nach: Ausgestoßene und Ungeküsste, Verirrte und Verwirrte. Leute, die es nicht in ihren Wohnungen hält, falls sie welche haben. Wo sonst, als an die Tanke, will man hin, wenn die Bordsteine hochgeklappt sind und das goldene "M" erloschen ist? Eigentlich müsste die Polizeistreife ob der seltsamen Gestalten längst misstrauisch geworden sein, aber vermutlich sitzen alle Beamten gerade unter dem Christbaum. Kein Blaulicht flackert in den Kammerspielen. Die Gestalten bleiben unter sich. Die blonde Kassiererin (Carla Witte) hat den Laden noch aufgesperrt, tappst mit dem Wischer um die Zapfsäulen und holt später die Päckchen mit den kleinen Fälschchen aus dem Schnapsregal. Der rotweintrinkende Philosophieprofessor (Renatus Scheibe) beteuert, zu Hause rausgeflogen zu sein, was er aber eigenartige Weise nicht als Niederlage seines Lebens zu empfinden scheint. Ein Dampflokwerker (Peter Liebaug) radelt vorbei, schwärmt von der Größe seines alten Werkes, "Toast Hawaii" im ehemaligen Schlundhaus, und beklagt, dass die werktätige Hand in der modernen Zeit nicht mehr gebraucht werde. Auf dem Gerüst - die Tankstelle ist offenkundig schon in die Jahre gekommen - klettert plötzlich eine kleine Punkerin mit fetter Lederkluft und Nasenring (Julia Steingaß): Kein Plan, kein Ziel, Sehnsucht nach Liebe und Freiheit - irgendwie. Ein Junge von der Antifa (Björn Boresch) klebt im Halbdunkel freche Plakate: No Sexism, no Racism - oder so ähnlich. Eine polnische Krankenpflegerin, eine arbeitslos gewordene Bankerin, eine Prostituierte - was es in Meiningen nicht alles gibt! Und mittendrin Maria, die nicht durch den Dornwald ging, nein. Die nur die Straße runterrollerte. Weg aus dem Heim, hin zu den Zapfsäulen, wo zwischen Autoreifen und Ölfässern (das detailversessene Bühnenbild entwarf Christian Rinke) Party ist. Alles einsame Seelen, auf der Suche nach Menschen. Der flotte Witz, mit dem das alles gespielt wird, ist dünn genug, um diese leicht sentimentale Sehnsucht, die Melancholie, immer wieder anklingen zu lassen. Sie bedienen ihre Rollen, als wären sie das alles selbst, aber sie fallen niemals ins Klischee, dafür hat Regisseurin Johanna Hasse nanometergenau gesorgt - mit einer Ausnahme, zu der wir gleich kommen. Genau deswegen aber macht der Abend, an dem natürlich die Musik die Hauptrolle spielt, weil über sie die einsamen Seelen miteinanander kommunizieren, so wahnsinnig viel Freude. "Rudis Cover Band" (Rudolf Hild, Stefan Groß, Uwe Schamberger) rockt und klimpert auf der Ladefläche eines frühlingsgrünen B 1000. Wittenbrinks (von Rudolf Hild verfeinerte) musikalische Nummern-Show reicht von Bach bis Johannes Oerding: "Kannst du mich reparier'n" dröhnt es gleich zu Beginn. Dann kommt das "Eisenbahnerlied", das der eine oder andere vielleicht noch von den Arbeiterfestspielen kennt, "Alkohol" von Grönemeyer, "Panzaknacka" von Ausserkontrolle oder eine wirklich coole Adaption von "Atemlos durch die Nacht", bei dem sich die nächtliche Schicksalsgemeinschaft am brennenden Ölfass wärmt - nicht die Bronx, nicht NYC, sondern Meiningen, Thüringen. Klar, der Sound ist die halbe Miete des Abends. Er bebildert auch eigene Erinnerungen. Doch "Nacht-Tankstelle" ist mehr als "Evergreen". Die Songs berühren anders, weil sie im Spiel eben auch für Glück und Tragik stehen, für das, was sie auf der Bühne von ihren Figuren erzählen: "I want to be forever young" von Alphaville, "Du erkennst mich nicht wieder" von den Helden, "Herbsttag" von Franz Wittenbrink, mit dem Evelyn Fuchs im zweiten Teil des Abend ein unglaublich bewegender Moment gelingt. Oder "Nathalie" des unvergessenen Gilbert Bécaud, das Peter Liebaug herzerwärmend singt. Solche Momente sind es, die etwas von der Frage ablenken, wohin dieser illustre Abend denn nun eigentlich treibt. Was ist das Ziel dieser nächtlichen Tankstellen-Gemeinschaft? Gibt es überhaupt eins? Spontan kriegen sie Szenen eines ziemlich schrägen Krippenspiels über die Bühne, bei dem das Jesuskind von einer halbleeren Rotweinflasche dargestellt wird. Zu Heiligabend wäre das mal ein echter Kracher in der Kirche. "Nacht-Tankstelle" rutscht damit leider ab in den Klamauk. Da rettet Bach, was zu retten ist: "Jauchzet, frohlocket…", und am Schluss ein kitschiges "Hallelujah" - so viel Illusion kann eben nur das Theater. Die Wirklichkeit freilich an der Tanke im Morgengrauen danach, die wäre wohl viel trauriger. (Freies Wort, 17. September 2016)

Atemlos durch die Nacht. Seit Jahr und Tag besuche ich meine Tankstelle um die Ecke. Aber ein Wunder, wie eben in der Meininger Kammerspiel-Tankstelle erlebt, geschah dort meines Wissens noch nie. Vom wundersamen Geschmack des Pappbecherkaffees und der Wandlungsfähigkeit der belegten Käsebrötchen einmal abgesehen. Vielleicht sollte ich es an einem späten Heiligabend versuchen. In diesen höchst sensiblen Stunden nämlich spielt die musikalische Revue „Nacht-Tankstelle“ nach Franz Wittenbrink, inszeniert von Johanna Hasse und musikalisch ins Bild gesetzt von Rudolf Hild und seiner dreiköpfigen „Rudis Cover Band“. Vielleicht würde dann ein Weihnachtswunder geschehen und sich der öde Ort in eine Oase für verlorene Seelen verwandeln. Kein schöner Land in dieser Zeit. Unterstützt von einer Firma für Tankanlagen hat Bühnenbildner Christian Rinke ein realistisches Shell-Tankstellen-Szenarium mit traumhaften Benzinpreisen, Öltonnen, Altreifen, Baugerüsten, allerlei Krimskrams und einem mit Motorschaden liegengebliebenen Barkas (dem Tourbus der Band) zusammengebastelt. Und die Gestrandeten der Nacht hat er in lebensechte Szenekleidung gesteckt: Julia Steingaß, die Punkerin, Björn Boresch, den Anarchofreak, Peter Liebaug, den ehemaligen Reichsbahner auf Hartz 4 und Vater des Autonomen, Evelyn Fuchs, eine aus dem Heim geflohene Seniorin, Renatus Scheibe, einen Philosophieprofessor, dem die Frau davongelaufen ist, Yannick Fischer, den betrunkenen Weihnachtsmann, Eisbären und Band-Roadie und Carla Witte, die polnische Altenpflegerin, die sich flugs in eine Mechanikerin, Kassiererin, arbeitslose Bankerin und in eine Prostituierte verwandeln kann. Ist das nicht ein fantastisches Häufchen Individuen? Ein bisschen so wie bei Dittsche in der Imbissbude, nur noch viel schräger. Als würde sich die Einsamkeit eines Edward-Hopper-Bildes mit einem Mal in Wohlgefallen auflösen und die traurig mit ihrem Glas Bier vor sich hintümpelnden Nachtgestalten würden magisch in diesen heiligabendlichen Kultort gezogen. Und was machen sie dort? Sie singen in zweieinhalb Stunden 36 Lieder, ein- bis siebenstimmig, die ihren Lebenskrisen Sinn geben und gleichzeitig ihrem seelischen Überleben im Augenblick dienen. Mit freundlichster Unterstützung der drei Rudi-Freaks von der Ladefläche des klapprigen Barkas. Natürlich haben die Meininger aus dem unerschöpflichen Liedreservoir des Franz Wittenbrink die Perlen herausgeklaubt und mit Texten und Songs gemischt, die der Lage vor Ort angemessen sind. Erstaunlich, wie dieses Kamikaze-Cross-Over die unterschiedlichsten Seelenstimmungen unter einen Hut bringt. Vom Volkslied bis zum Heavy-Metal-Song, von Händels „Hallelujah“ bis zu Tom Waits' „Blue Valentines“, von Helene Fischer bis Michael Jackson, von Johann Strauss bis Led Zeppelin, vom Krippenlied bis zu Herbert Grönemeyers „Alkohol“. Bewundernswert, wie das Meininger Inszenierungsteam, die Musiker und die sieben Schauspieler das Ganze so zum Leben erwecken und zum Klingen bringen, dass man das Unmögliche für möglich hält. Am liebsten würde man seinen nächsten Tankstopp in einer hochsensiblen Stunde wählen und die freundliche Kassiererin mit Gilbert Bécauds „Natalie“ beglücken, so wie es der alte Reichsbahner Liebaug tut. Vor allem Evelyn Fuchs, die renitente Omi mit Rollator, hat es mir angetan. Sie flüchtete aus dem Heim, weil sie beim Krippenspiel nicht die Maria mimen durfte, sondern irgendeinen Hirten spielen sollte. Sehr verständlich. Hier, an der Nacht-Tankstelle, ist sie besser aufgehoben, diese Tina Turner von der Werra, wenn sie mit den anderen verlorenen Seelen zwischen Tanksäule 4 und dem Stapel Altreifen atemlos durch die Nacht rockt. Spätestens beim abschließenden Krippenspiel mit einem herzergreifend kollektivem Bachschen „Jauchzet, frohlocket und preiset die Tage“ erkennt man, welch völkerverbindendes Potenzial eine Nacht-Tankstelle haben könnte, wenn wir uns alle als Gestrandete begreifen würden. - Weiter so, bis in die übernächste Spielzeit, aber bitte kein offenes Feuer neben der Zapfsäule! (Main Post, 19. September 2016)

 

Stripped – Bis auf die Haut // Stephen Clark
ACUD-Theater Berlin 2016

Regie: Johanna Hasse
Licht & Ton: Kristina Weiß, Thomas Schick
Mit: Luise Schnittert, Alexander Milo

Seelen-Stripp. Bewertung: Schon gut! Eine Showmasterin und ein Showmaster heben - kurz nachdem sie die goldene Showtreppe nach unten gegangen sind - das Liebesleben von Emma & James, einem Stellvertreterpärchen für "Normalos" so wie du & ich, zutage. Diesbezüglich ziehen sie sie quasi vor versammelter Mannschaft aus und verüben schamlose Sezierarbeit; getreu den hinlänglich bekannten Machenschaften in TV-Shows, wo die Vorführung des Privatimsten meistens für erhöhte Einschaltquote sorgt, Beruf ist halt Beruf. Luise Schnittert sowie Alexander Milo spielen dieses Macht-Paar, doch zugleich schlüpfen sie justament auch in die Rollen seiner "Opfer": Emma ist mit James dann eigentlich schon viel, viel länger - als sie angelegentlich ihrer Privatanzeigenerstbegegnung meint - bekannt oder (vielmehr noch) hochvertraut; als sie vor ein paar Jahren während einer Party, wo auch James verweilte, stockbesoffen war, schleifte er sie aufs Klo und ließ sich von ihr einen blasen. Daran konnte sie sich, weil sie halt so stockbesoffen war, nicht wirklich also vollbewusstheitlich erinnern... James klärt sie nun dahingehend nachträglicher Weise auf. Das war und ist schon fies! Klischierte Hauptfrage des sich in einige (klischierte) Einzeldialoge peu à peu erschöpfenden Revuestücks lautet: Weshalb kommen Liebende an sich zusammen und weshalb wohl trennen sie sich, meistens, kurze Zeit darauf? Antwort: Weil Liebe flüchtig und vergänglich scheint - so wie die auffliegenden Pusteblumensternchen einer Pusteblume. Ja und meistens wollen von den beiden Liebenden dann jede(r) Liebende für sich was völlig Anderes als sein geliebtes Gegenüber. Schlussendlicher Weise tut die Frau (die plötzlich schwanger wird) den Mann dann mit dem Ungeborenen also Noch-Ungeborenen erpressen nach dem Motto: Bleib, wenn du mich liebst, bleibe bei mir und deinem Kind - wenn nicht, dann eben nicht; dann bleibe ich halt mit dem Kind allein. Oder so ähnlich. Jedenfalls haut er - im diesem Stephen Clark-Stück unterm Titel Stripped - einfach ab und lässt sie (mit dem Kind) allein zurück. Tiefschürfender sollte die Angelegenheit partout nicht werden. Hundsgemeines Schicksal. Gut gesungen, gut getanzt und gut gespielt. (wwww.kultur-extra.de, 4. Juni 2016)

 

Die Ziege oder Wer ist Sylvia? // Edward Albee
Theater ... und so fort München 2016

Regie: Johanna Hasse
Bühne: Andreas Arneth
Kostüme: Sanna Dembowski
Dramaturgie: Lyla Cestier
Mit: Katja Amberger, Heiko Dietz, Uwe Kosubek, Maximilian Pelz

Eigentlich hat der Stararchitekt Martin Gray alles, was sich ein Mann in den besten Jahren wünscht: Erfolg im Beruf, eine wunderbare Familie. Sein Leben schien perfekt zu sein, bis er Sylvia traf. Beim ersten Blick in ihre Augen war es um ihn geschehen. Wenn Menschen nichts mehr zu wünschen übrig bleibt, dann flirten sie gern mit dem Unglück. Sie stürzen sich in Risikosportarten oder fatale Affären. Doch es ist kein alltäglicher Ausbruch aus der Routine dauerhaften Glücks, von dem Edward Albees Stück „Die Ziege oder Wer ist Sylvia?“ erzählt, das Johanna Hasse im Theater... und so fort inszeniert hat. Das Geschöpf, das in der Mischung aus boulevardesker Komödie, Gesellschaftssatire und Tragödie Martin den Kopf verdreht hat, ist eine Ziege. Durch die Enthüllung seiner Passion bricht die liberale Fassade der Wohlstandsbürger zusammen. Sein schwuler Sohn (Maximilian Pelz) beschimpft ihn als „Perversling“. Seine in rationalen Konfliktlösungsstrategien geübte Frau (Katja Amberger) rastet aus und ermordet seine Geliebte. Am Ende sind die Wohnung und das Leben der Grays ein Trümmerhaufen. (Süddeutsche Zeitung, 29. März 2016)

Martin Gray müsste es gut gehen: Der Stararchitekt wurde für den Pritzker-Preis nominiert. Aber irgendwas quält ihn so, dass er beim Interview mit dem befreundeten Journalisten Ross völlig zerfahren ist. Er offenbart sich seinem Freund – er hat sich, obwohl seit Jahren glücklich und treu verheiratet, unsterblich verliebt. Es war ein tiefer Blick in sanfte Augen, und nun denkt Martin nur noch an Sylvia. So was kommt in den besten Ehen vor. Das einzige Problem: Sylvia ist eine Ziege. Da denkt man sofort an Woody Allens Episodenfilm "Was Sie schon immer über Sex wissen wollten ..." von 1972, in dem ein Arzt ein Schaf liebt. Und anfangs gibt sich Edward Albees Stück "Die Ziege oder Wer ist Sylvia?" auch mit viel Wortwitz ziemlich komödiantisch und etwas boulevardesk. Aber es trägt den Untertitel "Anmerkungen zu einer Definition des Tragischen", und den nimmt Regisseurin Johanna Hasse im Theater ... und so fort sehr ernst. Als Martin (Uwe Kosubek) endlich seiner fürsorglichen Ehefrau Stevie (Katja Amberger) alles gesteht und pathetisch von seiner Seelenverwandtschaft mit Sylvia und seiner tiefen Liebe zu ihr schwärmt, kippt die Geschichte allmählich. Eine Untreue wäre zu verschmerzen, aber Sodomie? Das kann keiner verstehen. Der 17-jährige schwule Sohn Billy (Maximilian Pelz) rastet aus, Stevie verliert nach und nach die Kontrolle. Edward Albee ("Wer hat Angst vor Virginia Woolf?") wirft in seinem 2002 uraufgeführten Stück heikle Fragen nach unserem Moralverständnis auf, aber er dekliniert sie nicht durch und fällt kein Urteil, sondern lässt sie in der Schwebe. (Münchner Feuilleton, April, Nr. 51, 9. April - 6. Mai 2016)

Die 12. Wasserburger Theatertage endeten gestern Abend. Die Jury tagte gleich im Anschluss an die letzte Vorstellung und kam zu folgendem Ergebnis: In diesem Jahr gibt es drei Darstellerpreise. Diese drei mit jeweils 1000 Euro dotierten Preise, die vom Landkreis Rosenheim und vom Verband Freie Darstellende Künste Bayern vergeben werden, gehen an Bernd Berleb, Hilmar Henjes und Heiko Dietz. Bernd Berleb wird für den Monolog „Novecento – Die Legende vom Ozeanpianisten“ ausgezeichnet, ein Beitrag des Landestheaters Dinkelsbühl. Regie führte Frank Piotraschke. Hilmar Henjes erhält den Preis für seine Leistung in „Draußen vor der Tür“, dem Eigenbeitrag des Theaters Wasserburg in der Regie von Nik Mayr. Heiko Dietz überzeugte die Jury in „Die Ziege oder Wer ist Sylvia?“. Das „Theater … und so fort“ München hat sich mit diesem Albee-Stück in der Regie von Johanna Hasse auf den 12. Wasserburger Theatertagen gezeigt. (Wasserburger Stimme, 9. Mai 2016)

 

Liebe Arbeit Exil // Ein Weill/Eisler-Liederabend
Schwartzsche Villa Berlin 2015

Regie: Johanna Hasse
Mit: Anna von Schrottenberg (Schauspiel & Gesang), Matthew Rubenstein (Klavier)

Die Sängerin Anna von Schrottenberg hat eine riesige Tasche mit Sekundärliteratur mitgebracht, die sie erstmal auspackt. Überall ragen kleine Fähnchen aus den zahlreichen Büchern heraus. Der Abend über Hans Eisler und Kurt Weill könnte also länger werden als erwartet. Doch Schottenberg gibt Entwarnung: Nur die Themenfelder Liebe, Arbeit und Exil werden heute in den Blick genommen. Eine klare Eingrenzung also! So geht es im schnellen Wechsel zwischen den Liedern der beiden Musikern, kleinen biographischen Erläuterungen und Zitaten von ihnen und über sie in chronologischer Abfolge durch ihr bewegtes Leben. Kurt Weill und Hanns Eisler hatten viel gemeinsam und dennoch verlief ihr Entwicklungsprozess fast diametral entgegengesetzt. Beide waren früh in Deutschland im Musikgeschäft erfolgreich. Weill mit der Dreigroschenoper und Eisler z. B. mit den ironisch vertonten Zeitungsausschnitten, die das Bürgertum unerwartet lustvoll in seinen Kulturverbrauch integrierte. Doch beide waren Juden und mussten vor Hitler aus Deutschland fliehen. Beide waren mit Frauen verheiratet, deren Namen mit L anfingen und mit denen sie zusammen arbeiteten. Beide waren der Zwölftonmusik zugetan. Beide kamen nach ein paar Zwischenstationen in New York an. Doch während Kurt Weill sich sogleich der vollkommenen Integration widmete und mit seinen Musicals schnell am Broadway Erfolge feierte, bekam Hanns Eisler keine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis und wanderte zwischen Amerika, Mexiko und Illegalität hin und her. Denn er war ein bekennender Kommunist. Wenn er Liebeslieder schrieb, dann solche an den Kommunismus. Er schlug sich mit undankbaren Dienstleistungen im Musikgewerbe herum und bleib ein Heimatloser. Eisler schrieb Heimwehlieder an die verlorene Heimat in Deutschland wie das traurige "Und ich werde nicht mehr sehen..." Weill dagegen schrieb schmissige jazzige Songs, die zu Ohrwürmern wurden, wie "Speak Low" oder "How can you tell an American?" Die Lieder, die von Schottenberg zu der exzellenter Begleitung durch den Pianisten Matthew Rubenstein mit Witz, Ausdruck und Souveränität vorträgt, geben Einblick in die unterschiedlichen Stimmungslagen, Haltungen und Lebensauffassungen von Eisler und Weill. So erschaffen von Schottenberg und Rubenstein unter der geschickten Regie von Johanna Hasse eine kurzweilige, informative und sehr stimmungsvolle Musikperformance, in der Schottenbergs Kontrabass als kurviges Gegenüber keine unwesentliche Rolle spielt. (www.hamburgtheater.de, 17. April 2016)

 

Dussel und Schussel // Ein Klassenzimmerstück von Ad de Bont
Theater Naumburg 2015

Regie & Kostüme: Johanna Hasse
Dramaturgie: Jörg Neumann
Mit: Peter Johan, Michael Naroditski

(…) "Dussel und Schussel", das Klassenzimmerstück des Niederländers Ad de Bont für Grundschüler ab der ersten Klasse, erzählt von Ängsten der Kinder und wie diese überwunden werden können - mit Mut, allein oder gemeinsam. Die beiden Angsthasen, gespielt von Michael Naroditski und Peter Johan, platzen in die Unterrichtsstunde. Auf der Flucht vor ihren Fußspuren geht es im Klassenzimmer hoch her. Dann sind da noch das Gewitter und der eigene Schatten, die ihnen die Haare zu Berge stehen lassen. Gemeinsam kommen Dussel und Schussel, die kurz davor sind, sich die Freundschaft aufzukündigen, hinter das Geheimnis, wie sie ihre Ängste besiegen können. So unvermittelt, wie sie auftauchten, sind sie nach 35 Minuten wieder weg. Packend, aktionsreich, humorvoll, mit Slapstickeinlagen und Schattenspiel fesselten sie ihre Zuschauer. (Naumburger Tageblatt, 15. Oktober 2015)
   
Anatol // Arthur Schnitzler
Brotfabrik & HAU1 Berlin 2014

Regie: Johanna Hasse
Bühne & Kostüme: Ann Gontarek
Dramaturgie & Licht: Thomas Schick
Video: Anja Mayer

Mit: Matthias Hinz, Peter Johan, Melissa Anna Schmidt

 

 

(...) Mit "Anatol" bringt Johanna Hasse ein ganz besonderes Stück auf die Bühne. Es besteht aus fünf Einaktern, die sich zu einem Ganzen zusammenfügen. Es geht um Anatol (gespielt von Matthias Hinz), der von einer Liebesbeziehung zur nächsten lebt. Dabei hat er immer die Hoffnung, die ideale, die einzig wahre Liebe zu finden. Zur Seite steht ihm sein bester Freund Max (Peter Johan). In Gesprächen, in denen Anatol wortgewandt und schwärmerisch über seine Affären und Liebschaften berichtet, ist es der scharfsinnige Skeptiker Max, der einen kühlen Kopf behält und seinem Freund immer wieder den Spiegel vorhält. Die fünf Frauen, die sich mit Anatol einlassen, werden von der wandlungsfähigen Melissa Anna Schmidt gespielt. (Berliner Woche, 12. März 2014)

In der Brotfabrik Berlin am Caligariplatz 1 läuft mit "Anatol" von Arthur Schnitzler ein recht zeitloses und interessantes Episodenstück über einen Mann und seine Irrungen und Wirrungen in Sachen Liebe und Frauen. Auf der Bühne brillieren Matthias Hinz, Peter Johan und Melissa Anna Schmidt in der Inszenierung von Johanna Hasse. Das Stück ist sehr kurzweilig und lohnt in jedem Fall einen Besuch in der Brotfabrik. (Spreekanal TV Berlin, 5. April 2014)

Die Gefühlsgräben und Unzulänglichkeiten menschlicher Paarbeziehungen hat Arthur Schnitzler auf unnachahmliche Weise in Prosa gegossen. In einem Gastspiel der Brotfabrik Berlin steht "Anatol", jener aufbrausend Liebende der Literaturgeschichte, schwankend zwischen den Aggregatszuständen Leidenschaft, Eifersucht und Freiheitsdrang, drei Tage lang auf dem Spielplan des Monsun-Theaters. Die drei hervorragenden Schauspieler Matthias Hinz, Peter Johan und Melissa Anna Schmidt beleben diese Seinszustände auf einer weitgehend leeren Bühne mit drei Klappstühlen und viel Papier sehr tänzerisch, mit vollem Körpereinsatz. Der mit Geist, Witz aber auch übergroßer Melancholie gesegnete Anatol sucht sein Heil in flüchtigen Begegnungen und fahndet insgeheim doch nach dem Absoluten. Kann das gut gehen? In Johanna Hasses Regie zeigt sich, dass dieses schnitzlersche Frühwerk über die Kurzlebigkeit urbaner Beziehungen von zeitloser Aktualität sein kann. (Hamburger Abendblatt, 29. Januar 2015)

Anatol (Matthias Hinz) sammelt die Episoden seiner Liebesbeziehungen wie zu Staub gewordene Blütenblätter und tackert sie mit seinem Freund Max (Peter Johan) an die Wand. Immer wieder muss er sich beweisen, dass er die Mädchen (alle: Melissa Anna Schmidt) unter seinen Füßen zermalmen kann. Er kann über sie hinweggehen wie ein Gott, der sich immer wieder neue hübsche Blondchen nach seinem Geschmack er- und heranschaffen kann. Max bescheinigt ihm, dass er zwar zu tausend Stimmungen aber zu keiner Liebe fähig sei. Immer beansprucht er die ewige Liebe und allumfassende Treue der Frauen für sich, gesteht den Frauen aber keinesfalls dementsprechende Ansprüche zu. Er muss schon seinen Nachschub sichern, während er die ersten Anzeichen von beginnender Langeweile in sich aufkommen spürt. Er ist nicht in die Frauen verliebt sondern in seine Eroberungsmacht und seine vermeintliche Überlegenheit. Am Schluss muss er kläglich erkennen, dass ihm zum Glücklichsein wohl einfach der Mut fehlte. Regisseurin Johanna Hasse dient die Vorlage von Arthur Schnitzler aus dem 19. Jahrhundert zu einer höchst aktuellen Studie der Oberflächlichkeiten einer Eventgesellschaft. Im Glauben an die unendlichen Möglichkeiten, deren Vorrat an Spaß, Abenteuer und Aufregung unerschöpflich sei, hetzen Menschen von einer Beziehung in die nächste, stets auf der Suche nach dem Immer Mehr. Anatol selbst droht in der immer wieder digital neu entstehender Großstadtkulisse zu verschwinden. Seine Konturen werden für ihn ebenso ununterscheidbar wie die Frauen, die ihm doch zur Einzigartigkeit verhelfen sollten. (www.hamburgtheater.de, 4. Februar 2015)

   

Johanna Fast Forward // Ein Klassenzimmerstück nach "Die Jungfrau von Orleans" von Friedrich Schiller
Schlosstheater Celle 2013

Regie, Fassung & Ausstattung: Johanna Hasse
Dramaturgie: Evangelos Tzavaras
Mit: Sibille Helfenberger

 

(...) Bei dem 45-minütigen Stück schlüpft Schauspielerin Sibille Helfenberger mit Ernst und Humor in rund 20 verschiedene Rollen. Regisseurin Johanna Hasse, die bereits in Berlin, Potsdam und München inszenierte, entwickelte für das Projekt eine eigene Fassung von Schillers romantischer Tragödie. In dem Klassenzimmerstück stellt Helfenberger mithilfe von Puppen und ausgewählten Requisiten die Geschichte einer außergewöhnlichen Superheldin dar: Getrieben von ihrem religiösen Auftrag Frankreich, das sich im Krieg befindet, zu retten und den König zu krönen, ist Johanna bereit alles und jeden zu töten, der sich ihr in den Weg stellt. Die Begegnung mit einem feindlichen Soldaten führt allerdings bald zu einem tragischen Wendepunkt. (Celler Kurier, 17. Februar 2013)

Sibille Helfenberger erzählt als Johanna von Orleans in Celler Klassenzimmern von ihrem göttlichen Auftrag, gegen die Engländer in die Schlacht zu ziehen. In ihrer Geschichte schlüpft sie in verschiedene Rollen und begeistert die Schüler mit Witz und Charme. (...) Hinter dem Titel "Johanna fast forward" verbirgt sich dabei eine zeitgenössische Adaption des Klassikers "Die Jungfrau von Orleans" von Friedrich Schiller. Regisseurin Johanna Hasse hat die Handlung auf 45 Minuten begrenzt. Mit vielen unterschiedlichen Requisiten - daruner ein Rettich, ein Gummi-Hühnchen und eine Barbie-Puppe - brachte Helfenberger die Zuschauer dabei regelmäßig zum Lachen. (...) Für die Jugendlichen ungewohnt: Die Sprache des Stückes war nicht modernisiert worden. (...) Mit "Johanna von Orleans" begeisterte Helfenberger die Schüler und regte sie zum Diskutieren an. (Cellesche Zeitung, 6. März 2013)

   
Secondhand Affairs // Eine Performance zwischen Kleidern für Körper und Stimmen
i-camp München 2012

Konzept & Regie: Johanna Hasse
Raum & Kostüme: Kerstin Junge
Licht: Rainer Ludwig
Mit: Katrina Krumpane, Ahmed Soura

(...) Was ist Heimat? Wo hört das Bekannte auf und wo fängt die Fremde an? Mit diesen Themen setzen sich die lettische Sängerin Katrina Krumpane und Tänzer Ahmed Soura aus Burkina Faso bei ihrer Performance "Secondhand Affairs" im i-camp auseinander. Unter Regie von Johanna Hasse nutzen sie inmitten des Altkleiderberges ihre Ausdruckdsmittel Tanz und Gesang. Teils ernst, teils humorvoll und mit Selbstironie lassen die beiden Darsteller auch ihre eigenen Biografien und Erfahrungen in das Stück einfließen. Während sie genreübergreifend miteinander interagieren, thematisieren sie die Selbst- und Fremdwahrnehmung. Dabei überbrücken Katrina Krumpane und Ahmed Soura Sprachenbarrieren, beleuchten nationale und individuelle Unterschiede, hinterfragen Vorurteile und zeigen Gemeinsamkeiten auf. (Süddeutsche Zeitung, SZ Extra, 18. Oktober 2012)

Die Bühne ist eigentlich eine Rauminstallation: ein Berg aus getragener Kleidung. Wobei diese Installation einen mit allen Sinnen berührt - sie riecht eigenartig, sie strahlt Wärme ab, sie schluckt Licht. Mit anderen Worten: Schon das Bühnenbild erzählt Geschichten fremder Menschen, Second-Hand-Geschichten. Die Sopranistin Katrina Krumpane aus Lettland und der Tänzer Ahmed Soura aus Burkina Faso nutzen diese mit Bedeutung aufgeladene Raumsituation für "Secondhand Affairs", sie verweben Tanz, Gesang, Bildende Kunst und eigene wie fremde biographische Notizen zu einer Perfomance, die nicht zuletzt auch ein Nachdenken über Transnationalität ist, über das Selbstverständnis einer künstlerischen Kollaboration, geprägt von zwei ganz unterschiedlichen Lebensläufen, die sich einzig in der migrantischen Erfahrung berühren. (Kulturnews. Stadtportal München, 19. Oktober 2012)

Auf der Bühne liegt ein riesiger Berg Kleidung. Gebrauchte Kleidung, die ihre eigenen Geschichten zu erzählen scheint. Die Atmosphäre ist gespannt, geladen, man möchte wissen, was es mit den Hemden, Hosen und Röcken auf sich hat. In Mitten dieses Berges liegen zwei Menschen. Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, zwischen denen sich aber dennoch ein verbindendes Band spannt. Das Band der Musik, des Tanzes und dem Durst nach Leben. Es sind die Sopranistin Katrina Krumpane aus Lettland und der Tänzer Ahmed Soura aus Burkina Faso, die sich hier in fremde Kleidung hüllen und somit andere Kulturen und Traditionen überstreifen. Bei jeder Bewegung tanzen unzählige Staubkörnchen im Scheinwerferlicht, als wären es aufgeschüttelte Erinnerungen, die an den Kleidungsstücken kleben. (...) Mit Hilfe der gebrauchten Kleidung, Tanz und Gesang, lassen sie uns erahnen, welche kulturellen und biographischen Hintergründe, welche Vorurteile und Gemeinsamkeiten sie haben und wie sie die heutige Transnationalität erfahren. Für den Zuschauer bedeutet das eine Achterbahn der Gefühle. Die Stimmung variiert von gemeinsamen fröhlichem Tanz und Gesang, bis hin zu absoluter Ohnmacht und dem Schrei nach Hilfe. (...) (Radio M 94.5 online, 23. Oktober 2012)

Der arme Heinrich // nach Hartmann von Aue
Eröffnungsspektakel XX. Greizer Theaterherbst 2011

Regie: Tobias Sosinka, Johanna Hasse
Musikalische Leitung: Ulrich Blumenstein
Bühne: Jörg Flessa
Licht: Peter Schmidt, Jürgen Kanis
Electronics: PC
Kostüme: Sabine Petri

Mit: Bürgern der Stadt Greiz

Mit dem Spektakel "Der arme Heinrich" ist der 20. Greizer Theaterherbst eröffnet worden. Eine grandiose Collage aus Wutbürgern, Opfermut und Macht des Geldes. "Keine Atempause, Geschichte wird gemacht. Es geht voran", hämmert der Song der Punkband Fehlfarben aus den Lautsprechern hinter der neuen Vogtlandhalle. Demonstranten tragen ein großes Spruchband: "Empört euch!" Sie rütteln am Bauzaun, hinter dem sich ein riesiger Abrissbagger von Dotzauer aus Lengenfeld in das alte Stadttheater frisst. Polizei rückt mit Blaulicht an, um die wütenden Bürger zu vertreiben. Der gelackte Dr. Heinrich tritt ans Mikrofon und kann nicht verstehen, warum das Volk nicht bejubelt, was er und sein, einen Geldkoffer tragender Pressesprecher beschlossen haben. So begann am Donnerstagabend das Eröffnungsspektakel des 20. Greiser Theaterherbstes, "Der arme Heinrich" nach Hartmann von Aue (...) Ritter, Reiter, Hexen, alte Jungfern, Spielleute und Gaukler versetzten die Zuschauer dann aber doch in die Vergangenheit und durchpflügten den Greiser Acker der Geschichte. Der gelackte Dr. Heinrich (Stephan Marek) verwandelte sich in Ritter Heinrich, der vom Aussatz befallen wird. Der mephistohafte Kofferträger (Peter Vollmer) wurde Hartmann von Aue höchst selbst. Mit Koffer begaben sie sich auf die Suche nach Heilung. Das Publikum folgte ihnen neugierig ins Innere der Vogtlandhalle: die Kassenpatienten links, die Privaten rechts. "Nichts zu machen", tönten die Quacksalber. Dann aber erfuhr Heinrich von einem Arzt in Salerno, dass es doch ein Heilmittel gibt: Das Herzblut einer sich freiwillig opfernden Jungfrau. Das aber schien aussichtslos. Heinrich zog sich verzweifelt auf einen Meierhof zurück. Die Tochter des Bauern (Melissa Ploß) wurde seine Begleiterin und bot schließlich an, sich für ihn zu opfern. Denn ohne Herrn könnten auch die anderen nicht leben. Geld aus dem Koffer ließ ihre Eltern einknicken. Und so düsten Heinrich und die Jungfrau auf Motorrädern zu jenem unheimlichen Arzt (Ulrich Blumenstein) nach Salerno. Ein Vorhang verbarg, was sich dort zutrug. Während die Erzählerin auf der Vorbühne werkgetreu berichtete, wie Heinrich in letzter Sekunde voller Mitleid einschritt, das Mädchen vor dem Messer rettete und damit auch sich selbst erlöste, bot sich - als sich der Vorhang wieder hob - ein ganz anderes Bild: Ein blutüberströmter lebloser Mädchenleib auf einem Stuhl, während der gesundete gelackte Dr. Heinrich mit seinem Geldkofferträger eilig das Weite suchte. Das, was man erzählt bekommt, ist das Gegenteil von dem, was geschieht. Ein trefflicher Seitenhieb auf die heutige Welt. Und die wütenden Bürger? - Die hängten zum Schluss das Spruchband "Bürgerbühne" mitten aufs Podium, worauf sich, begleitet von tutenden Warnsignal, der Eiserne Vorhang schloss. Der Rest war nicht enden wollender Applaus für ein grandioses Spektakel. Regie führten Johanna Hasse und Tobias Sosinka. Aus einem tollen Ensemble ragten neben den genannten Solisten die Akteure aus dem Greizer Behindertenwohnheim Carolinenfeld sowie Vertikalseil-Akrobatin Crystalle aus Berlin heraus. Ein Fest für die Sinne und den Geist. (Freie Presse, 17. September 2011)

(...) Die schrille und doch zugleich zum Nachdenken anregende Adaption des 1209 von Hartmann von Aue geschriebenen Epos war der Auftakt des XX. Greizer Theaterherbstes "Geschichte wird gemacht". Eine Inszenierung, die dank ihrer Opulenz und Unkonventionalität auch selbst Geschichte gemacht hat - nicht nur bei den gut 500 Zuschauern, sondern auch, weil im Stück real ein echtes Theater zumindest teilweise abgerissen wurde. Aber, wie gelingt es, ein über 800 Jahre altes Verswerk, dessen Sprache von der heutigen soweit entfernt ist wie der Mond zur Erde, und dessen Autor wohl nur Germanisten ein Begriff ist, verständlich in die Gegenwart zu verankern? Die Berliner Regisseure Tobias Sosinka und Johanna Hasse schälen das Stück bis auf die Kernaussagen zurück und befeuern es mit (Greizer) Aktualität und nicht zuletzt mit der Diskussion um den Abriss des alten Greizer Theaters und der Nutzung der neuen Vogtlandhalle. (...) Die Theaterherbstinszenierung "Der arme Heinrich" präsentierte sich dem Zuschauer als ein Parabelstück, das Lautes und Leises, Sensibilität und Exzessives vereint und darüber nicht vergisst, zum Weiterdenken anzuregen. Einen besseren Auftakt hätte der XX. Greizer Theaterherbst auch dank der darstellerischen Kraft aller Ensemblemitglieder und besonders der Gruppe Menschen mit einer Behinderung aus dem Wohnheim Carolinenfeld in seinem Jubiläumsjahr kaum haben können. (Vogtland Anzeiger, 17. September 2011)

Der Greizer Theaterherbst hat gestern Abend mit "Der arme Heinrich" nicht nur die 20. Festivalsaison eröffnet, sondern zugleich auch die Vogtlandhalle erobert. Doch bevor die eingenommen werden kann, musste das alte Theater fallen. Folgerichtig rückte der Bagger dem in die Jahre gekommenen Musentempel zu Leibe, wenn auch unter Protest. (…) Feuerspucker, Pferde, Live-Musik, Ritterkämpfe und Stelzenläufer gab es zu bestaunen. Als Höhepunkt folgte ein weiterer Akt der Eroberung der Vogtlandhalle: Sogar vom Dach aus wurde gespielt, die Zuschauer von ganz oben ins Innere gelockt. Die folgten dem Ruf nur allzu gerne. Spektakuläre Einlagen gab es auch auf der großen Bühne, die nicht einmal vor Motorrädern sicher war. Akrobatik oder eine mit ihrem Gesang einmal mehr überzeugende Steffi Jetschke, die im Käfig über der Bühne schwebte, gehörten zu den Höhepunkten. Die Darsteller um Stephan Marek spielten mit Herzblut, und damit ist nicht nur das gemeint, auf das der arme, schwerkranke Heinrich für seine Heilung angewiesen ist. Nur das selbstlose Blutopfer einer Jungfrau kann den vom Aussatz Befallenen retten. Dass dabei Geld eine nicht unerhebliche Rolle spielt, aber eben auch Liebe, und dass das Ende nicht immer glücklich sein muss, all das ließen Tobias Sosinka und Johanna Hasse, die Berliner Regisseure, im Stück erzählen. Klingt nach schwerer Kost, ist es aber keineswegs. Frisch und witzig präsentierten sich die Laiendarsteller einem begeisterten Publikum. (Ostthüringer Zeitung, 16. September 2011)

La Musica Zwei // Marguerite Duras
Brotfabrik Berlin 2011

Regie: Johanna Hasse
Licht: Thomas Schick
Mit: Melissa Anna Schmidt, Nico Nothnagel

Das gescheiterte Paar trifft sich in dem Stück „La Musica Zwei“ von Marguerite Duras drei Jahre nach der Trennung in einer Provinzstadt wieder, um das Scheidungsurteil entgegen zu nehmen. Beide wohnen in dem Hotel, in dem sie einst glückliche Tage erlebten. Dann bauten sie sich ein Haus. Um so mehr Steine dafür zusammengefügt wurden, desto schneller bröckelte ihre Beziehung. Nun stehen sie sich gegenüber und fragen sich, was sie falsch gemacht haben. Anne-Marie und Michel Roche verbringen die Nacht in der Hotelhalle – auf der Bühne durch eine lange Bank charakterisiert. Dort steht als einziger Ruhepunkt ein Aquarium. Die kleinen Fische darin fliehen einander, finden aber immer wieder zusammen. Ein schöner Kontrast zur Situation, in der sich die zwei Leute miteinander herumquälen. Sie waren sich früher zu nahe gekommen, hatten einander verletzt. Ihr Vertrauen war zerbrochen. Doch irgendetwas ist da noch zwischen ihnen. Was auch immer sie alles verband, ließ etwas in ihnen unauslöschbar zurück. Sie fühlen sich zueinander hingezogen wie voneinander abgestoßen. Es könnte noch einmal alles gut werden. Oder nicht? Zuweilen geraten sie bei ihren Diskussionen aus der Fassung. Entweder schmelzen sie dann fast vor Zärtlichkeit dahin, dann wieder greifen sie einander körperlich an. Die Aggressivität ist von Johanna Hasse so inszeniert, dass in diesen Momenten alles gekonnt ins Tragisch-Komische kippt. Melissa Anna Schmidt und Nico Nothnagel spielen das ausgezeichnet. Wie gut sie sich privat auch immer kennen mögen – sie flirten wunderbar miteinander. Beide sind über 30, können also Lebenserfahrung einbringen, und an schauspielerischem Können mangelt es ihnen nicht. Engagiert bringen sie sich ein, machen die Inszenierung menschlich. Ein bisschen davon, worum es hier geht, hat wohl jeder schon erlebt. Einfühlsam ist für das Stück auf der Weißenseer Brotfabrikbühne die Lichtkomposition von Thomas Schick gemacht. Unaufdringlich unterstützt er die Stimmungsschwankungen. Auch die Musik ordnet sich so ein. So lässt sich der Theaterbesuch gut und gern empfehlen, zumal bei einer Spieldauer von gut einer Stunde nichts in die Länge gezogen wird. Der Verlockung, das Stück von Marguerite Duras zu inszenieren, sind schon zahlreiche Regisseure gefolgt. Die erste deutsche Fassung von „La Musica“ von 1965 wurde bereits 1966 in München gezeigt. „La Musica Zwei“ von 1985 erlebte in der deutschen Übersetzung von Simon Werle seine Erstaufführung 1989 am Berliner Schillertheater. Beide Stücke waren danach immer mal wieder hier und da zu sehen. Die von der Autorin erdachte Auseinandersetzung des Paares in der Hotelhalle kam bei ihr selbst nicht zur Ruhe. Deshalb suchte sie im zweiten Stück zum selben Paar noch 20 Jahre später eine Lösung. Ob die beiden sich wieder finden oder verstört trennen, das bleibt nach wie vor offen. Wie auch immer es die Autorin erdachte – das zu sehen und zu fühlen, ist Sache jedes einzelnen Zuschauers. Darin liegt ein unglaublicher Reiz bei diesem Stück. (Neues Deutschland, 26. August 2011)

Leben in der Smartbox // Performance
Zagreus Projekt Berlin 2011

Regie & Text: Johanna Hasse
Raum & Kostüme: Friederike Baer
Dramaturgie: Thomas Schick
Mit: Agnes Burger, Sarina Schnizer

Wäre das Leben doch eine goldene Geschenkbox, voller stapelbarer Plastikdosen oder Behälter namens Fix-Mix, die Alltag und Zuhause übersichtlich und handhabbar machen, wo zwischen Dessous und Gleitgel auch gut sitzende Identitätskostüme bereit liegen, damit Glück und Erfüllung nichts im Weg steht, und wo Abba-Songs authentisches Gefühl garantieren. Die Zagreus-Galerie, in der sonst Konzeptkunst auf Kochkunst trifft, ist in eine solche Box voll praktischer Produkte verwandelt. Zwei Beraterinnen in bester Tele-Shopping-Laune begrüßen die Gäste zur Erlebnisparty, servieren gratis Getränke und ein Drei-Gänge-Menü. Was als schmissige Tupperparty-Parodie beginnt, wächst sich zum Diskurstheater in Pollesch-Manier aus. In hysterischen Sprechsalven erörtern die Damen weibliche Ambivalenz zwischen Selbstverwirklichung und Selbstunterwerfung in der durchökonomisierten Servicegesellschaft, spulen bis zur Erschöpfung Verkaufsrhetorik ab, sehnen sich nach "Re-Gendering" – der Zuflucht bei altgedienten Rollenmustern – und demonstrieren die Renaissance des Korsetts. Bekannter Stoff wird neu variiert und mit Speis und Trank garniert. So gewinnt das Spektakel eine sinnliche und semantische Extra-Dimension – schließlich steckt Essen unweigerlich voller Gender-Fragen. (zitty Berlin, Heft 6/2011)

HEIMSEHEN
Dokumentarfilm/Videoinstallation 2010

"Heimsehen" heißt ein Film, den die Theaterfrauen Johanna Hasse und Anja Mayer zum OstOstOst-Festival gedreht haben und seit Freitag vorstellen. Den Generalintendanten und die Marketingmitarbeiterin, die Bühnenbildnerin und den Abenddienst, den Vorsitzenden des Theatervereins, einen Pfarrer und andere, mit dem Theater verbundene Menschen haben die Filmemacherinnen nach ihrem Verhältnis zu Gera befragt. Je nach dem welche Lieblingslandschaft, welcher Schicksalsort genannt wird, Hasse und Mayer haben ihn mit der Kamera aufgesucht und blenden ihn ein. Offen und unverstellt, nachdenklich und humorvoll erzählen die Befragten über ihr Verhältnis zur Heimat, wie es sie nach Gera verschlug, warum sie blieben, niemals wieder wegwollen, wann sie Heimweh und wonach sie es haben. (...) Das Bild, das die Befragten von Gera zeichnen, ist das einer liebenswerten und lebenswerten Stadt. Ein toller Film! (Ostthüringer Zeitung, 19. April 2010)

EPIC 3.0 // Hubert Schipkowski
Theater Halle 7 München 2010

Regie: Johanna Hasse
Bühne & Kostüme: Nina Danelon, Valentin Bossert
Video: Martin Sterler
Mit: Agnes Burger, Uwe Kosubek, Sascha Linke, Toni Osmani, Mark Römisch

Mit seinem Debüt-Stück hat Hubert Schipkowski vor dem Hintergrund des aktuellen Web 2.0 und den Möglichkeiten der Manipulation des Internets und seiner Nutzer einen Medienkrimi in schnellen filmischen Schnittbildern vorgelegt: Hagen will etwas bewegen. Seine Freundin Anna braucht einen Job. Falk will Unternehmer des Jahres werden. Thees sucht eine Freundin. Sie alle arbeiten für  Internet-Community-Unternehmen und sind Teil einer Gesellschaft, die Gabor analysiert. Sein Werkzeug ist das "Evolving Personalized Information Construct", kurz EPIC 3.0 – das digitale Netzwerk, das sie alle versteht. Angetrieben von dem Wunsch nach Erfolg werfen die Protagonisten des Stückes nach und nach ihre Ideale über Bord, um ihre Karriere voranzutreiben. Wer aber mehr sein will, als nur Mitläufer, der muss schon die Regeln des Spiels bestimmen. Wie Gabor, der in Hagen einen verwandten Geist sieht, einen Auserwählten, der dafür bestimmt ist, mithilfe von EPIC 3.0 eine ideale Gesellschaft zu erschaffen. Hagen, gescheitert mit seinem idealistischen Projekt einer ebenso politischen wie kritischen Internetplattform, hat das Gen des Machers in sich. Ob nun für eine "gute" Sache oder eine andere, die vielleicht sogar die bessere ist? Gabor gelingt es, Hagen für ein System der Selektion zu gewinnen. (K-Magazin, Ausgabe 84, März 2010)

Die Fliegen // Jean-Paul Sartre
Hans Otto Theater Potsdam 2008

Regie: Johanna Hasse
Bühne & Kostüme: Vinzenz Gertler
Musik: Marc Eisenschink
Dramaturgie: Sebastian Stolz
Mit: Harald Arnold, Rita Feldmeier, Matthias Hörnke, Gisela Leipert, Peter Wagner, Alexander Weichbrodt, Jenny Weichert

(...) Johanna Hasse inszeniert Sartres 1943 uraufgeführtes Stück "Die Fliegen" in der recht saloppen Übersetzung von Traugott König. So flott wie die Übersetzung ist auch Hasses Regie, die das Stück kräftig entrümpelt, Personal und Handlung reduziert. Sartre benutzte den antiken Stoff - die Rache Orests an den Mördern seines Vaters - um seinen Freiheitsbegriff dramatisch zu exemplifizieren: Frei sind die Menschen, wenn sie sich entschieden haben und für ihre Entscheidung einstehen. Hasse hält von dem nicht viel. So muss Orest seinen Schlusssatz "Ich habe meine Tat getan, Elektra, und diese Tat war gut ... Ich bin frei", in einer Endlosschleife immer wieder repetieren, so wie ein Kind, das im Wald gegen die Angst pfeift. Eine schmissige Aufführung mit zwei überragenden Darstellern: Alexander Weichbrodt als Orest und Jenny Weichert als Elektra. (zitty Berlin, Heft 2/2009)

(...) In der Inszenierung von Johanna Hasse sind die Rachegöttinnen zurecht aus dem Text verschwunden. Dass man sie nicht sehen muss, um den Schmerz Elektras und die Ruhelosigkeit Orests zu spüren, zeigt, was Jenny Weichert und Alexander Weichbrodt hier schaffen: dem Gedankenspiel Sartres, immer nahe am Parabelhaften, pulsierendes Leben zu geben. Die Schatten der Erinnyen, die "Fliegen", rauschen mal als surrendes Geräusch, mal in der hektischen Geste derer, die sie loswerden wollen durch die Inszenierung. (...) Orest bleibt am Ende allein zurück, gefangen in den Satzschlaufen seiner Überzeugungen: "Das ist meine Tat und sie war gut. Ich bin frei". "Freiheit ist nur eine Krätze, die dich juckt", hatte Jupiter ihm zuvor gesagt. Das stimmt natürlich nur halb. Freiheit ist keine Krankheit. Aber das Schlussbild mit dem verlorenen, verstörten Orest zeigt auf bestürzende Weise, wo sie wehtun kann. (Potsdamer Neueste Nachrichten, 13. Dezember 2008)

PROJEKT ICH // Marc Becker
Theaterbar & HAU3 Berlin 2008

Regie: Johanna Hasse
Ausstattung: Hasse & Kunze
Licht: Hajo Krause
Mit: Markus Kunze

Ein junger Mann beschließt, Künstler zu werden. So ablehnend seine Umwelt anfangs auf seine Kot-, Urin- und Sperma-Bilder und die Bellen-wie-ein-Hund-Performance reagiert, so angezogen fühlt sie sich nach kurzer Zeit. Der Erfolg stellt sich ein, als die Aktionen als Vermarktungsstrategie inszeniert werden. Markus Kunze ist in dem Stück von Marc Becker zu sehen, Johanna Hasse führte Regie. (Berliner Zeitung, 5. März 2008)

Die Attitüden der Lady Hamilton
Palmensaal in der Orangerie im Neuen Garten Potsdam 2007

Regie & Text: Johanna Hasse
Text- & dramaturgische Mitarbeit: Hans-Martin Rahner
Bühne & Kostüme: Susanne Füller
Mit: Katrina Krumpane, Dieter Mann

(...) Das Leben der Lady Hamilton ist immer für ein paar pikante Anekdoten und künstlerische Appetithäppchen geeignet. Erotik, Kunst und Politik lassen sich unterhaltsam und hintergründig kombinieren. Genau das, nämlich augenzwinkernde Leichtigkeit, bietet denn auch die musikalisch-szenische Inszenierung von Johanna Hasse im Palmensaal der Orangerie im Neuen Garten. (...) So wie die Lady einst in Sekundenschnelle ihren gestisch-mimischen Ausdruck variieren konnte von tiefer Traurigkeit über verzweifelter Todessehnsucht bis zu koketter Liebesverführung, verwandelt sich jetzt Katrina Krumpane unter Anleitung von Dieter Mann von Medea in Dido, von Kleopatra in Niobe. Die lettische Sängerin nimmt diese Attitüden-Spielerei zum Glück nicht gar zu ernst. Die Posen, die sie auf ein kleines Podest zaubert, sind eher augenzwinkernde Karikaturen der klassischen Vorlagen. Auch Schauspieler Dieter Mann, der den Kunstsammler und Vulkanologen, Politiker und Schönheitsfanatiker Sir William Hamilton gibt und zugleich als ironischer Erzähler fungiert, flunkert viel und macht sich ein bisschen lustig über die weltfremden Kunst-Pirouetten, die in den adeligen Salons für Entzückung sorgten und für Ablenkung von den gesellschaftlichen Umbrüchen. Das kleine Attitüden-Kabinett bleibt auch nur eine Randnotiz des geschmeidig sinnenfrohen Bilderreigens aus dem Leben der Lady. Katrin Krumpane singt mit inbrünstiger Lust Lieder und Arien von Mozart, Haydn und Pergolesi. Dieter Mann kommentiert klug und spitzzüngig das melodramatische Geschehen. (Märkische Allgemeine Zeitung, 3. September 2007)

(...) Das außergewöhnliche Leben von Lady Hamilton, Gattin des englischen Gesandten im Königreich Neapel und spätere Geliebte von Admiral Nelson, ist derzeit in einer Produktion der Potsdamer Hofkonzerte zu sehen (siehe www.potsdamer-hofkonzerte.de). Zwischen der Lady und Potsdam existiert sogar eine Verbindung in Gestalt der Vasen im Marmorpalais. Die wertvollen englischen Vasen aus der berühmten Manufaktur Wedgwood kopieren griechische Fundstücke, die unter anderem Lady Hamiltons Gemahl, Sir William, in Pompeji entdeckt und nach England gebracht hatte. So war die theatralisch-musikalische Inszenierung von Johanna Hasse zumindest schon durch den Spielort gerechtfertigt. In der Tat bietet der Palmensaal der Orangerie im Neuen Garten ein stimmiges Ambiente für das eineinhalbstündige Spiel mit Katrina Kumpane und Dieter Mann in den Rollen von Lady und Lord Hamilton. Die Kunst von Lady Hamilton bestand in der stummen Nachbildung von Bildnissen und Skulpturen, häufig nach Motiven aus der griechischen oder römischen Antike. Lord Hamilton, Kunst- und Altertumsforscher und einer der ersten Vulkanologen, erläuterte die Stellungen der Lady für das Publikum. (...) Dass Lady Hamilton außerdem ein gute Sängerin und Pianistin war, die mit berühmten Komponisten wie Josef Haydn konzertierte, gab Gelegenheit für einige musikalische Einlagen. Katrina Krumpane spielt begabt Klavier und singt dazu mit warm getöntem, angenehmem Mezzosopran. (...) Dieter Mann gibt den Lord Hamilton mit Understatement und ironisierender Distanz, was wohl weniger der realen Person nahe kommt, als aktuellen Trends. Das erfreute Publikum spendete viel Beifall für eine unterhaltsame, leichtfüßige und wohltönende Aufführung im historischen Ambiente. (Potsdamer Neueste Nachrichten, 3. September 2007)

anfangen06
Dokumentarfilm 2006
(...) Auch der Hintern des Theaters, der sich dem Besucher auf dem Gelände der Schiffbauergasse als bemaltes Gasometer-Rund entgegenstreckt, wurde als Ereignisort genutzt. Auf einer großen Leinwand erhielt man bei dem Film von Johanna Hasse und Anja Mayer "angefangen06" Einblick in die Gedanken der Theatermitarbeiter vor dem Umzug. Die selten geäußerte Wehmut der Älteren wurde von der Freude über die Lage und Gestalt des neuen Theaters bei weitem überdeckt. Nah sah man in die Gesichter aller Beteiligten, von der Kassenfrau bis zum Intendanten, und die vielen Zuschauer lachten im Stehen über die Fluchtfantasien, zu denen das Wasser inspiriert. So träumt sich der technische Direktor Karl-Heinz Krämer in ein eigenes Motorboot, mit dem er immer, wenn's Ärger gibt, das Weite suchen kann. Gelungen ist ein Porträt einer zutiefst menschlichen Institution, in der Hoffen und Bangen, Niederlage und Erfolg ganz nah beieinander liegen. Stolz sind sie alle, dass sie an diesem Umzug teilhaben können, der, wie sich im Laufe dieses Wochenendes zeigte, zwar ein außergewöhnliches Gebäude zum Anlass hatte, aber weit darüber hinaus wies. (Märkische Allgemeine Zeitung, 25. September 2006)

Die Stunde / Des Kunde // Felicia Zeller
Hans Otto Theater Potsdam 2005

Regie: Johanna Hasse
Bühne & Kostüme: Marek Hertel
Mit: Christian Klischat, Caroline Lux, Henrik Schubert

Wer hat sich nicht schon geärgert über Verschlüsse von Getränkepackungen, die den nassen Inhalt zunächst über Tisch oder Hose des Konsumenten verschütten, anstatt ihn säuberlich in Glas oder Topf zu geben? Auch der Liegestuhl, der zur gefährlichen Klappfalle wird, ist Gegenstand von Sketchen ebenso wie von ganz realen Lebenserfahrungen. Die Schriftstellerin Felicia Zeller hat für eine Szene einen Kunden entworfen, der sich das nicht mehr gefallen läßt. Er verklagt alle Unternehmen, die ihm irgendetwas unpraktisches verkauft haben, einschließlich seiner Rechtschutzversicherung, die die vielen Prozesse nicht mehr akzeptieren will. (...) Den Monolog "die Stunde / des Kunde" hat Johanna Hasse für drei Figuren aufgesplittet. Die fein gedrechselte Rede eines sich von Firmen und Verkäufern gedemütigt gefühlten Kunden wird Vortrag, Gespräch und antiker Chorgesang. Das Materielle scheint das Göttliche unserer Tage zu sein, könnte eine Botschaft sein. Dabei wird diese hohe Form der dramatischen Kunst immer wieder witzig auf den Boden des gegenwärtigen Alltags gestellt mit Firmenanwälten und verzweifelten Kunden. (Oranienburger Generalanzeiger, 14. Dezember 2005)

(...) "Die Stunde / Des Kunde" ist eine Persiflage auf das Verbraucherschutzunwesen und von Johanna Hasse adäquat inszeniert. Den beiden männlichen Darstellern ist Caroline Lux zur Seite gestellt. Alle drei spielen Schichten ein und desselben ewig prozessierenden Kunden, der sich im Kampf um sein Recht unweigerlich aufreibt. Das synthetische Trio operiert dabei wie eine sechsarmige Hydra im Ozean der Paragraphenspringfluten. (Märkische Allgemeine Zeitung, 14. Dezember 2005)

Mozart und Salieri // Alexander Puschkin
Hans Otto Theater Potsdam 2005

Regie: Johanna Hasse
Bühne & Kostüme: Marek Hertel
Mit: Christian Deichstetter, Kay Dietrich, Gabriele Näther, Johannes Suhm

(...) Kay Dietrich und Johannes Suhm vom Hans Otto Theater stürmen auf die enge Bühne und preisen wie auf dem Jahrmarkt ihr Spiel an. Ein bisschen Vaudeville und etwas Gameshow, denn kaum haben sie ausgesprochen, loben sie auch schon ein Gewinnspiel aus: Wer die Melodien erkennt, bekommt Freikarten für die Premiere im Schloss. Erster Versuch: Niemand kennt Salieris "Begrüßungsmarsch". Zweiter Versuch: Keiner kennt seinen "Türkischen Marsch" doch da, ein Herr in der ersten Reihe? "Leider zu spät", sagt Suhm recht hämisch und los geht's. Abgesehen vom lockeren Intro deklamieren die Schauspieler Puschkins Sätze eher gediegen. Nervös-nasal spricht Suhm den naiven Mozart, klassisch-laut Dietrich den nicht sehr perfiden Salieri. Auf der einen Seite das Genie, dem alles in den Schoß fällt. Auf der anderen der strebsame Salieri, der durch Arbeit fehlenden Einfallsreichtum wett zu machen sucht und dabei die "Musik wie einen Leichnam seziert". Regisseurin Johanna Hasse lässt die beiden vorbildlich den Raum ins Spiel mit einbeziehen. Mal stürmt Mozart durchs Publikum zur Haustür hinaus, um später wieder hinter der Bühne aufzutauchen. Mal setzen sich beide, Salieri hat aus Neid seinen Konkurrenten bereits vergiftet, gemeinsam an den Tresen, schlürfen schon mal den Premierensekt, während Christian Deichstetter sehr einfühlsam am Flügel Mozarts wunderbares "Lacrimosa" aus dem Requiem spielt und Gabriele Näther dazu singt. (Märkische Allgemeine Zeitung, 12. Oktober 2005)

(...) Kay Dietrich gab einen verbitterten Salieri, zwischen Selbsthass und Heuchelei, den sein unbekümmerter Freund Mozart (Johannes Suhm) im Gasthaus besucht, um ihm seine neuesten "musikalischen Gedanken" vorzustellen. In schlafloser Nacht überkamen sie Mozart. Und in frühester Morgenstunde hat er sie schnell "hinskizziert". Dann setzte Christian Deichstetter am Flügel an und spielte das Adagio aus der Klaviersonate F-dur. Oh, wie verzog sich da Salieris Gesicht. Fast schien es, als wollte er gleich den Schädel des Hochbegabten spalten. Doch er atmete tief durch, tat freundlich und lud Mozart zum gemeinsamen Essen. Hier, bei zartem Hühnchenfleisch, kippte Salieri das Gift in Mozarts Weinkelch. Der entschuldigt sich kurz danach, da ihn Unwohlsein plage. Puschkins Einakter lässt in seiner Kürze kaum Möglichkeiten für Charakterentwicklung. Auf der einen Seite das vom Ehrgeiz und Neid zerfressene Böse, auf der anderen das talentierte und unbekümmerte Gute. Doch gerade Kay Dietrich als Salieri, dem auch der meiste Text gehört, gelang es, diesem Widerling Profil zu geben. Johannes Suhm war es ein Leichtes, Mozart ganz unbekümmert und vertrauensselig zu spielen. (Potsdamer Neueste Nachrichten, 12. Oktober 2005)

Oskar und die Dame in Rosa // Eric-Emmanuel Schmitt
Hans Otto Theater Potsdam 2005

Regie: Johanna Hasse
Bühne und Kostüm: Susanne Füller
Mit: Rahel Ohm

(...) In "Oskar und die Dame in Rosa", das am Donnerstag Abend Premiere hatte, geht es um das schnelle Sterben des zehnjährigen Jungen, der dank eines erzählerischen Tricks (jeder Tag ein Jahrzehnt) ein komplettes, fast überlanges Menschenleben durcheilt. Ort der Aufführung ist eine Minibühne, an der Wand hängen zwei rosa Kittel, und ein Lichtfenster sprüht orange auf einen simplen Tisch und drei Stühle. Das Bühnenbild, das Susanne Füller unter der Regie von Johanna Hasse entwarf, nimmt sich, ebenso wie Lichtregie und Inszenierung zurück, um allein dem Monolog von Rahel Ohm das changierende Feld von Verzweiflung, Hoffnung, Liebe, Menschlichkeit und letztendlich dem tapferen Sterben des zehnjährigen Oskar zu überlassen. (...) Zwar ähnelt sie äußerlich weder Oskar noch "Mamie Rose", aber dank ihrer Wandlungsfähigkeit wurden diese Figuren präsent. So verlieh hauptsächlich die Stimmlage der Mimin, mal rotzfrech laut, das Dennoch des Todgeweihten markierend, mal kläglich leise, seine Angst transportierend, den unterschiedlichen Seelenlagen des Jungen Leben, und übernahm im monologischen Dialog, versichernd-beruhigend oder angeberisch-bestimmt die Tonlage der Mamie Rose. (...) Am Ende war es, als habe der kleine Oskar den Körper von Rahel Ohm tatsächlich verlassen: Ein rosa Kittelchen unter dem Arm geklemmt verließ sie trauernd und oskarlos den Saal, um sich aber alsbald den Applaussalven der meist zufriedenen Zuschauer hinzugeben. (Potsdamer Neueste Nachrichten, 26. März 2005)

(...) Damit ist auch nach gut eineinviertelstündiger Spielzeit ein schwieriges Thema ungemein unterhaltend ohne vordergründige Betroffenheit beleuchtet. Das Publikum beklatscht die Wandlungsfähigkeit von Rahel Ohm und wünscht sich für manchen Schwerkranken eine Dame in Rosa. Eine angemessene Inszenierung. (Ärzte Zeitung, 12. April 2005)

(...) Es ist überflüssig, zu sagen, dass das Stück zu Tränen rührt. Bei Oskars Tod nach 75 Minuten werden im Zuschauerraum nicht zum ersten Mal Taschentücher hervorgeholt. Das liegt am Stoff, aber auch an der grandiosen Rahel Ohm. Mühelos schlüpft sie in Wortwahl und Gestik zwischen den Rollen hin und her, hat ein Auge für den großen Bogen der Erzählung und behandelt doch jede Begebenheit wie einen Schatz. (Märkische Allgemeine Zeitung, 10. November 2008)

Sportrausch // Performance
Ulmer Theater 2004

Regie & Text: Johanna Hasse
Bühne & Kostüme: Kathleen Röber
Mit: Annette Faßnacht, Nicola Fritzen, Winfried Gropper, Sandra Lienhard

(...) Auch Sport kann süchtig machen, abhängig, arm und einsam - wie eine Droge. Mit dem Stück "Sportrausch" in der Regie von Johanna Hasse versuchte die Dopium-Reihe im Ulmer Podium, sich dieses Phänomens anzunehmen. Winfried Gropper ist die Rolle des leicht schmuddeligen Sportlehrers wie auf den Leib geschrieben. Und auch Annette Fassnacht als Fitness-Maus sowie Nicola Fritzen als Boxer machen innerhalb ihrer klischeehaften Rollen eine gute Figur: Beide sind geistig einfach gestrickt, körper- und kampfbetont, und nehmen von der Umwelt nur noch das wahr, was ihnen parolenhaft in den Mund gelegt wird. Sandra Lienhard als sinnierende Gelegenheitssportlerin mit Hang zur Natur fällt dabei fast schon etwas aus dem Rahmen. (Neu-Ulmer Zeitung, 6. März 2004)

(...) Zwanzig Minuten lang polterten die vier Akteure zunächst über die Bühne, stemmten Hanteln, übten sich im Boxkampf oder sinnierten über Sinn und Unsinn des aktiven Sports. PowerWalking, Yoga-Mix oder lieber relaxtes Abhängen? Der Trainer (Winfried Gropper) verführt seine Probanden mit starken Sprüchen, treibt sie voran, die Endorphine durch äußerliche Manipulation zu aktivieren. Der Trainer hat für jeden das individuelle Fitnessprögramm parat. Muskelkater, Bänderdehnungen und pharmakologische Nebenwirkungen inklusive. (Südwest Presse, 4. März 2004)

Zimmer im Paradies // Andreas Sauter & Bernhard Studlar
Theaterdock in der Kulturfabrik Berlin 2000

Regie: Johanna Hasse
Bühne und Licht: Kai Kolodziej
Mit: Nicole Gospodarek, Klaus Grape, Konrad Haller

Nach dem Erfolg von "Familie Meier Goes East" in den beiden letzten Jahren haben die InhaberInnen von Meiers Schönem Fleischsalon nun ein neues Thema aufgetan. "Meiers Filet-Stücke - Neue Dramatik aus deutschen Landen" heißt die Reihe, die am Mittwochabend im Theaterdock eröffnet wurde. Bis Dezember werden an jedem ersten Mittwoch im Monat die Stücke junger deutschsprachiger AutorInnen vorgestellt. Niemand hätte sich beklagen können, wäre das Theaterdock in der Lehrter Straße an diesem Abend leer geblieben. Der Mittwoch ist sowieso ein schwieriger Tag. An diesem speziellen Mittwoch spielt Hertha auch noch zu Hause gegen Prag, und im Fernsehen läuft "Big Brother" an. Doch schon lange vor Veranstaltungsbeginn ist der Raum hoffnungslos überfüllt. Kulturschaffende in den späten Zwanzigern streiten sich um Stehplätze an Fensterbänken, und wildfremde Nachbarn bitten ängstlich ums Platzfreihalten, wenn sie zur Bar laufen. Die fürsorglichen Menschen vom Fleischsalon bitten wegen dieser Körperdichte vor Beginn "nur in den Pausen zu rauchen und zu fotografieren". Die beiden HdK-Studenten (Szenisches Schreiben) Andreas Sauter und Bernhard Studlar kümmern sich in "Zimmer im Paradies" in der Regie von Johanna Hasse ums Dysfunktionale der Liebe in einer Singlewelt. Das ist nicht neu, und neu ist auch nicht die Idee, die Sprache als Track zu behandeln, der dann - tja, nicht variiert, sondern remixt wird. Unvergessen wird aber der Regieeinfall bleiben, das schwierige Thema Blut im Teletubbies-Style zu mixen: Statt Ketchup und Nagellack zu verschmieren, drucken sich die ProtagonistInnen einfach rote Pappmuster auf die Leiber. (...) Am Ende teilt eine Bauchladenfrau Jägermeister aus, der Saal johlt und man freut sich, im Theater gewesen zu sein. Hertha hat auch nur 1:1 gespielt. (taz, 3. März 2000)

Bild Körper Kaspar Hauser // Performance
Theaterdock in der Kulturfabrik Berlin 1999

Regie/Choreographie & Text: Johanna Hasse
Bühne: Mirko Frohmann
Kostüme: Miriam Daus
Video: Johannes Rosenstein
Mit: Martin Daerr, Nicole Gospodarek, Klaus Grape

Bis zu seiner Jugend bei Wasser und Brot eingesperrt, taucht Kaspar Hauser plötzlich 1828 in Nürnberg auf. Seine Herkunft ist unbekannt, er kann kaum sprechen, sein Zustand erregt höchste Aufmerksamkeit. Man inhaftiert ihn. Nach einer gerichtlichen Untersuchung wird der Philosoph und Rechtswissenschaftler Anselm von Feuerbach sein Vormund. Aber nach zwei Attentatsversuchen gibt er ihn in die Obhut des Lehrers J. G. Meyer nach Ansbach. Hauser ist nun Schreiber bei der Kreisverwaltung und verkehrt in höheren Kreisen. Ein drittes Attentat überlebt er nicht. Er erliegt am 17. Dezember 1833 seinen Stichverletzungen. Regisseurin Johanna Hasse hat sich im Theaterdock mit "Bild Körper Kaspar Hauser" an das Phänomen aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln herangewagt. Zum einen sind da die beiden Darsteller von Kaspar Hauser (Klaus Grape) und Caspar Hauser (Nicole Gospodarek), die in einer merkwürdigen Schizophrenie miteinander verbunden sind und von einem Zeremonienmeister (Martin Daerr) angeleitet werden. In einer lockeren Szenenfolge erkunden sie das Leben des ewig Unmündigen, erforschen seine völlig andere Sicht auf die Welt, ohne ihn wirklich zu personifizieren. Auf Monitoren und auf einen weißen Vorhang projizierte Bilder, die die offene Spielfläche begrenzen, eröffnen den Blick aus dem Gefängnis. (Berliner Morgenpost, 1. November 1999)

Eine historische Figur des 19. Jahrhunderts erwacht zu neuem Leben. Das Theaterdock nahm sich sowohl des historischen und als auch des mystischen Kaspar Hausers an, seiner Geschichte, seiner Zeit und vor allem seiner Vorstellungswelt. Zwei Schauspieler und Tänzer spielen dabei seine seelische Zerrissenheit, die innere und äußere Bilderwelt, die er über viele Jahre in sich getragen hat und den Leidensweg, der seine Geschichte so einzigartig macht. "Bild Körper Kaspar Hauser" entwickelt damit unter der Regie von Johanna Hasse eine ganz eigene Magie. Verkörpert durch das dynamische Spiel der beiden Hauptdarsteller werden all die tragischen Facetten dieses Schicksals aufgezeigt und in eine moderne Bildsprache übersetzt. (Tagesspiegel, 2. November 1999)

Büchners Lenz // Jürg Amann
Experimentiertheater Erlangen 1997

Regie: Johanna Hasse
Bühne & Licht: Christian Waigl
Mit: Merve Harders, Volker Holzmann, Markus Kunze, Andy-Maurice Mueller, Ildikó Rippel, Frank Strobelt

Kein leichtes Unterfangen, eine Erzählung auf die Bühnenbretter zu hieven. Zumal einen Text wie Büchners "Lenz", der wie kein anderer die Seelenlandschaft seines Helden durchpflügt und psychische Wechselbäder rhetorische Gestalt annehmen lässt. Im Experimentiertheater hat sich Johanna Hasse die Inszenierung der dramatisierten Fassung von Jürg Amann aufgebürdet. In elliptischen Sequenzen wird der Psychose des Sturm-und-Drang-Dichters Lenz auf der Bühne Raum gegeben: mit deutlichen Anzeichen von Wahn irrt er durchs Gebirge, findet beim Pfarrerehepaar Oberlin nur für kurze Zeit Halt, ehe ihn wieder Anfälle der Tollheit sich verlieren lassen. Die Bühnenfassung, die diese Innenwelt nach außen kehren will, bleibt notgedrungen 80minütiges monologlastiges Kopftheater. Für einen Laiendarsteller ist solch eine Textlast natürlich erdrückend. Markus Kunze, der mit Millimeterfrisur und abgewetztem Ledermantel den unglücklichen Poeten mimt, agiert anfangs arg theatralisch und gewollt. Aber zunehmend wird er sicherer in seinem Spiel, legt kauzige Töne in die Stimme, kramt in sich nach den dunklen Seelenpfaden. Zwischen hochfahrendem Pathos und drohendem Flüstern gewährt er Einblick in das Psychogramm des Wahns: Vaterkomplex und Hadern mit Gott vermischen sich in der Predigt vom verlorenen Sohn. Die Unfähigkeit, Trost im Gebet zu finden, steigert sich zu einer verzweifelten Spott-Tirade gegen die Religion. Die Welt, die ihm zu eng wird, treibt Lenz in Angst und Aggression. Markus Kunze spielt den Poeten impulsiv und irrlichternd, brüchig und besessen, gottverlassen und mit Hang zu großen Gesten. Unterstützt wird er von einer Regie, die viel Gefühl für ihre Schauspieler beweist und ihnen präzis einstudierte Arrangements zur Hand gibt. Seine Mitmenschen (besonders Frank Strobelt und Merve Harders als Ehepaar Oberlin) begegnen Lenz mit gesundem Menschenverstand, mit Mitleid ohne mit zu leiden, und können so ihrem verzweifeltem Gast nicht gerecht werden. Wie das sparsame Bühnenbild und die beachtenswert sorgfältig gewählten Kostüme bieten sie einen angenehmen geordneten Gegenpol zum rastlos-gehetzten Dichter. (Erlanger Nachrichten, 27. November 1997)